DAS DING AUS DEM SUMPF

Celle liegt in Louisiana

Dr. Alec Holland, von Beruf Wissenschaftler, erleidet einen grobmotorischen Anfall und kontaminiert sich versehentlich mit einem selbstentwickelten Präparat zur Unkrautvernichtung. Das Resultat der ungeschickten Aktion: Statt sauberer Gehwegplatten eine dauerhafte Mutation zu einem Wesen - halb Mensch, halb Pflanze. Es zieht sich in die Sümpfe Louisianas zurück und versucht den notwendigerweise bösen Buben zu entkommen, die auf der Jagd nach seinem Geheimnis sind. So verläuft im groben die Handlung des Horrorklassikers, mehrfach in den Achtzigern verfilmt (unter anderem von Wes Craven) und auch als TV Serie aufgelegt.

Greenhorn

Manchmal liegt Louisiana auch mitten in Niedersachsen, genau gesagt in Celle - Dr. Alec heißt hier Marc. Auch Marc hat sich selber infiziert - wenn auch nicht aufgrund von ungeschickten Handbewegungen mit selbstgebrautem Gartenkultivierungselixier. Ganz im Gegenteil. Rasengenetische Forschungen hat Marc frühzeitig aufgegeben und sich statt dessen auf das erquickendere Gebiet der Mopedmanipulation verlegt. Der Bazillus, den Marc in sich trägt, ist hochgradig ansteckend, infektiös, unheilbar - und gutartig. Erste Anzeichen ließen sich bereits vor weit über anderthalb Dekaden feststellen, als nach der Anschaffung einer RD350 alsbald der Bastelwahn über Marc kam und ihn wie von einer fremden Macht getrieben dazu brachte, den Originalzustand zu verfremden. Heiliges Hiroshima! Es folgte eine FZR 600, die ebenfalls im hauseigenen Metalllabor verändert wurde, bis schließlich vor etwa einem Jahrzehnt eine drei Jahre alte YZF 750R erstanden wurde. Fast vollständig original.

Greenpeace

Wäre die Yamaha ein Tier, hätten sich bereits frühzeitig Robin Wood und Greenpeace maßregelnd eingeschaltet - derartig heftig und häufig wurden Versuche mit ihr angestellt. Anfangs nur mit gekürzten Plastikteilen und Sprühdosen Lackierung. Der Farbton entstammte der Palette eines französischen Kleinwagen-Fabrikanten und war ein satter Grünton - was auch sonst?! Leider war die Ausführung der Einfärbung nicht gerade optimal und die Struktur der Oberfläche (vorsichtig formuliert) "unglatt", so daß bei der Präsentation des Ergebnisses im Kollegenkreis eine optische Verwandtschaft zum mutierten Doc. Holland aus dem eingangs erwähnten Film attestiert wurde. Seither trägt die Yamaha den Namen "Swamp Thing" und wurde ihn nicht mehr los - vielmehr wurde er sogar Programm.

Green Day

Doch Marcs Tierversuche mit der YZF gingen weit über das Anmalen von GFK hinaus. Zwischenzeitlich wurde sie bereits nackig gefahren, bekam diverse Masken zur Probe aufgesetzt - unter anderem auch eine, aus einem Vorderradkotflügel gezimmerte. Magnesium-Felgen wurden montiert, der eigenen Sicherheit halber aber bald wieder entfernt. So mutierte das Ding aus Celle durch die verschiedensten Stadien bis der Trägervirus mit Beginn des neuen Millenniums endgültig dominant wurde und Marcs Treiben bestimmte. Ein Motor mit dem guten Liter Hubraum des größeren Schwester-Modells wanderte in die Deltabox. Später wurde das Aggregat noch mit 41 Millimeter messenden FCR-Vergasern versehen und innerlich aufgepäppelt. Derartig erstarkt war das grüne Ding bereit für das nun unweigerlich Kommende.

Green Bay

So tat sich optisch und fahrwerkstechnisch auch wieder Einiges: Ein Heckrahmen wurde passend zum auserwählten Höcker konstruiert und angebaut, eine zeitgemäße Zubehörmaske an die Gabel geschraubt und achtern eine auf sieben Zoll verbreiterte Felge eingehängt. Das Ganze ließ Marc dann noch kontrastreich schwarz und grün absetzen - professionell lackiert und mit einer selbstgebauten Underflooranlage versehen. Das Jahrtausend konnte damit zeitgemäß anbrechen... Aber wenn Marc das Skalpell ansetzt, dann immer unter dem strengen hippokratischen Eid der Fahrbarkeit: Der von der Natur vorgesehene Platz für das Monster ist eben die Straße und nicht eine Vitrine oder das Wohnzimmer. Rummelplatz-Ambiente findet man dementsprechend erst gar nicht an der grünen Kreatur - kein unnötiger Christbaumschmuck, keine Kirmisapplikationen oder Blendwerk. Statt dessen klare Linien und minimalistische Technik mit der Extraportion Bums. Ja, das Ding macht Spaß!

Greencard

Den bisher letzten großen Eingriff erfuhr die Yamaha im letzten Winter: Die hintere Felgendimension wuchs noch einmal an, während sich die Zahl der sie haltenden Schwingenarme halbierte. Darüber hinaus erschuf Marc einen neuen Schalldämpfer aus Edelstahl im Dreieckslook, der sich kaum harmonischer und eigenständiger an das Motorrad schmiegen könnte. Schalldämpfer - das ist Marcs ganz besonderes Steckenpferd. Sind doch die letzten zehn Jahre mit jeder Saison neue Abgasentsorger an das Krad gewandert. Fast ebensoviel Räder wie Krümmergeweihe zieren Marcs Werkstatt, so daß er inzwischen aus den verschiedensten Rad-Reifenkombinationen für jeweilige Einsatzzwecke wählen kann. Die Montage der aus dem Autozubehör stammenden Felgen erfolgt über einen eigens angefertigten Adapter, der neben Einpreßtiefe auch Bolzenzahl und Lochkreis ausgleicht - einarmige, grüne Monster gibt es also nicht nur in Comicverfilmungen... Möge Marc noch lange den bösen Buben entkommen und weiter seine metallurgischen Experimente durchführen. Scheiß auf Louisiana, es lebe Celle.


TECHNISCHE DATEN

Modell: YZF 750 R, Bj.'93

Motor: FZR 1000 (3LE), anno 2002 komplett überholt, Sechsgang-Getriebe, Yoshimura-Nockenwellen, Ventile abgedreht und nitriert, Kanäle überarbeitet und poliert, Kurbelwelle und Pleuel feinstgewuchtet und neu gebuchst, alle Lager und Dichtungen neu, Übermaßkolben, CNC-gefräste Motor-Adapterplatten (Alu), Motor lackiert, LKM-Zündbox, 750er Cup-Krümmer, (an 1000er Motor angepaßt und lackiert), Leistung: 156 PS und 123,5 Nm

Vergaser: 41er Keihin FCR

Luftfilter: umgebaute und angepaßte Airbox mit K&N-Filter

Rahmen: modifiziert und pulverbeschichtet, Emil Schwarz-Lenkkopflager, Eigenbau-Heckrahmen

Schwinge: RC 46, stark modifiziert, pulverbeschichtet

Gabel: voll einstellbare Gabel der SP-Version, White Power-Federn, lackierte Eigenbau-Cover-Rohre aus VA

Gabelbrücken: oben Spiegler, unten CNC-gefräste Eigenbau-Brücke mit Dreifach-Klemmung

Lenker: LSL-Stummelaufnahmen mit Micron-Lenkerhälften

Federbein: Öhlins, voll einstellbar (von OW01), hydraulische Federvorspannung

Bremsen: vorne voll schwimmende Braking Wave-Bremsscheiben, komplett Stahlflexleitungen (hinten in der Schwinge verlegt)

Räder: vorn 3,5" x 17" (aus Yamaha-Beständen) mit 120/70/17-Bereifung, hinten zweiteilige AEZ-Autofelge (8,5" x 18") mit 240/40/18-Bereifung

Höcker: MM Performance

Fußrasten: ABM

Tank: modifiziert mit seitlichen Ram-Air-Einlässen, integriertes DET100-Instrument

Sonstiges: Kellermann-Blinker, kleiner Scheinwerfer mit Eigenbau-Cover, GSG Mototechnik-Rücklicht, Eigenbau-Schaltereinheiten (Alu, gefräst, mit Mini-Tastern und im Lenker verlegte Kabel), Brems- und Kupplungspumpe lackiert, CNC-gefräste Mini-Ausgleichsbehälter (DOT 5-Füllung), Schaltblitz, Tellert-CTS-Schaltautomat, Kühler angepaßt (Anschlüsse vorne entfernt), Öl-Temperatur-Fühler direkt an Ölwanne verlegt, Wassertemperaturgeber an Leitung verlegt, modifizierter GfK-Fender, Eigenbau Schalldämpfer aus VA ("Delta"), pulverbeschichtete Alu-Griffe, Kurzhubgasgriff, Lenkungsdämpfer, wahlweise Macrolon- oder Carbon-Sitzplatte, seitliches Zündschloß mit Anlaß-Funktion, nahezu alle Schrauben gegen VA- oder Alu-Exemplare ausgetauscht, Gewicht vollgetankt und Fahrbereit: etwa 209 kg


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