Ten years a slave

Andreas gehört einer ethnischen Minderheit an: den Umbautisti. Ihr Glaube verbietet es ihnen, in Plastik gehüllte Motorräder zu fahren, Originalteile zu kaufen oder konstruktive Kompromisse einzugehen. Die StVZO ist ihren Lehren nach Satanswerk, einzig geschaffen um ihren Glauben auf die Probe zu stellen. Sie werden auch heute noch verfolgt und schikaniert. Der TÜV stellt, in graue spitzmützige Kapuzenjacken gehüllt, brennende umgedrehte Plakettenspender in ihren Vorgärten auf, die Polizei pfercht sie Sonntags bei warmen Temperaturen auf viel zu kleinen Landstraßenparkplätzen zusammen und ein perfides Netz von Werkstätten, geführt von Ungläubigen und Heiden hält sie in Ketten und macht sie zu Sklaven. Und Amnesty International schaut einfach weg.

Um auf das Leiden dieser kleinen Volksgruppe aufmerksam zu machen, haben wir Andreas besucht. Er hat seit seiner Konvertierung vor zehn Jahren das Joch der Unterdrückung leidvoll erfahren müssen. Oder besser: erdulden, denn mit Fahren war bisher noch nicht richtig viel.

10.000 B.C.

Seine Geschichte beginnt im Jahre seines Herrn 1 (nach unserer Zeitrechnung 2006). Geboren im Sternzeichen Maulschlüssel, Aszendent Knarre, erblickt Andreas das Licht der unverkleideten Welt, als er sich eine gebrauchte und völlig originale XJR 1200 kauft und in der kommenden Saison einige erbauliche Pilgerreisen mit ihr absolvierte. So lernt er Land und Leute kennen, unter anderen auch Angehörige einer erleuchteten Kommune, die ihm zeigte, dass Geist und Seele mit Flex und Schweißgerät in harmonischen Einklang zu bringen sind sowie eine nach Feng Shui (oder war es Hong-Kong-Pfui?) eingerichtete Werkbank vor Schmerzen bewahren kann.

Bad Religion

"Geiler Scheiß" dachte sich Andreas und machte sich umgehend auf, dem frisch erworbenen Gedankengut Folge zu leisten. Selber noch nicht ausreichend mit Bohrmilch und Kupferpaste gesalbt, wandte er sich an einen Tempel, der für den Gegenwert einer aus massivem Gold gefertigten Badewanne (den genauen Umrechnungskurs kann man beim Limburger Bischoff erfragen) schrauberische Erlösung und den Einzug ins einarmige Paradies versprach, wo 40 jungfräuliche Kurven auf unseren Neugläubigen warten würden.

Judäische Volksfront

Während Andreas die Kürzung des Hecks sowie ein paar weitere Kleinigkeiten noch selber erledigen konnte, überließ er besagter Diozöse die Werkeleien der heftigeren Sorte. Neben der unausweichlichen Einarmschwinge verbaute der beauftragte Hebebühnen-Kardinal eine verbreiterte Felge, eine gekürzte 4in1 mitsamt Eagle-Endpott sowie ein paar weitere illustre Sachen. Nachdem die Arbeit beendet und bei einer Prüfstelle die heilige Hostie von der gebenedeiten Zulassung auf das Nummernschild geklebt war, zog Andreas aus um der Welt seine frohe Botschaft viertaktend zu verkünden.

Kreuzweg

Das ging jedoch nicht lange gut, denn der Scharlatan, der sich an seiner Schwinge vergangen hatte, tat dies ganz offensichtlich nach dem Zölibats-Prinzip. Dieses verbietet es dem Schweißzusatz, sich mit den zu verbindenden Bauteilen zu paaren, was dazu führte, dass sich die Schweißnähte bereits nach kürzester Zeit auflösten und die Schwinge auseinanderfiel wie das römische Reich anno 480. Bei näherer Begutachtung zeigten sich auch die anderen, für immense Abgaben in den Klingebeutel eingekauften Werkeleien als heidnisches Hexenwert ohne Bestand.

Hier war definitiv Weibsvolk anwesend

Statt sich auf der Landstraße seines Schlegels zu erfreuen, mietet Andreas notgedrungen einen Zwanzig-Fuß Container an und machte ihn zu seiner mechanischen Kathedrale. In einem mehrwöchigen Exorzismus-Seminar zerlegte er die eigentlich frisch aufgebaute XJR wieder in ihre Bestandteile, machte die ihr angediehenen Pfuschereien rückgängig und drehte die Umbauuhr zurück auf Null. Eigentlich sogar noch darüber hinaus, denn wenn er sich schon aufmachen würde, sich ins gelobte Land zu schrauben, dann gleich richtig und umfassend. Schon lange stand ihm der Sinn nach einem frei geräumten Rahmendreieck, noch kürzerem Heck und anderen Unzüchtigkeiten.

Schleudert den Purschen zu Poden

Da so ein Rahmenumbau kein Halma-Abend der Ministrantengruppe Bitterfeld ist, streckte Andreas seine Hände nach Leuten aus, die ihm bei seinem Kreuzweg behilflich sein würden. Die ersten konsultierten Wegbereiter schnitten mit der Kraft des Lasers die benötigten neuen Halteplatten gemäß Andreas Zeichnungen zurecht und übergaben ihm die fertigen Ikonen. Schon in dieser frühen Phase spürte Andreas, dass er mit seinen Exerzitien nicht in einem Winter durch sein würde, dafür war er inzwischen viel zu pingelig und penibel geworden. Sein Glaube würde also auf ein harte und lange Probe gestellt werden und eine ausgiebige Fastenzeit anstehen, in welcher es ohne Straßenkontakt auszukommen galt.

Lasst Prian frei!

Das ging natürlich gar nicht und war schlicht strikt gegen die Lehren seiner Religion. Um diesen wenigsten im Ansatz gerecht zu werden, schaffte sich Andreas deshalb parallel eine ZZR 1100 an. Ein durchaus guter Ansatz, der jedoch nach ein paar Wochen daran scheiterte, dass Andreas es einfach nicht mit sich vereinbaren konnte, mit derart viel Plaste unter und vor dem Arsch unterwegs zu sein und begann diese Abzureißen und auch den neuen Hobel umfassend zu bekehren. Plötzlich hatte er zwei Baustellen statt einer und wieder nichts zu fahren. Die Wege des Herrn sind manchmal unergründlich wie die Vollverkleidungen japanischer Motorräder.

Steinigt sie

Nicht aber die von ein paar Hallodris, die sich anschickten eines Nachts Andreas Container aufzubrechen und umfassend auszuplündern. Zwar klauten sie so ziemlich alles, was einen Stecker hatte sowie das gesamte Werkzeug, ließen aber zumindest einige Moped-Brocken liegen, wenn auch lange nicht alle. Das war nicht gerade die Sorte von Vorkommnissen, die dich während einer eh schon schwierigen Pilgerreise motiviert und nach vorne bringt. Aber die Macht war stark in Andreas.

Hat hier jemand Jehova gesagt?

Nachdem neues Equipment bis kurz vor die Scheidungsgrenze gekauft war, konnte es endlich weiter gehen. Eine neue Einarmschwinge war besorgt und eingepasst, der Rahmen frei gemacht, für die Monofederung umgeschweißt sowie ein Satz sittsamer Gabelbrücken aus dem Vollen geschmettert worden. Während Andreas schraubte und dabei Lieder aus der Mundorgel vor sich hin trällerte, überkam ihn immer mehr das Verlangen nach einem lasziven Underseat-Auspuff, für dessen Umsetzung ein schweißkundiger Kollege in die Sakristei geholt wurde.

Sex mit Sechs

Da durch den Umbau auf Zentralfederung, neue Heckverstrebungen und Andreas Vorgabe, dass sich das Rohr an den Rahmen kuscheln müsse wie eine katholischer Pfarrer an den Ministranten die Sache nicht einfach mit zwei Bögen und einem halben Meter Rohr abzufrühstücken war, sondern statt dessen ein gutes Dutzend Bögen wirr miteinander verbunden werden mussten, war die Nummer alles andere als eine Wallfahrt. Am Ende wurde aber alles gut, bzw. Bodis. Denn der hockt zentral unterm modifizierten Höcker am Ausgang des Rohr-Labyrinths.

Schwanzus Longus

Nachdem die mechanische Pilgerreise sich anschickte, endlich ein seliges Ende zu finden, war da immer noch die elektrische Diaspora, die sich drohend vor Andreas aufbäumte und die er, mangels entsprechender eigener Kenntnisse nicht im Alleingang würde bezwingen können. Zwei Jahre und drei ebenso selbsternannte sowie planlose "Fachleute" und nicht weniger als vier Kabelbaumanläufe später war nach wie vor die einzig funktionierende Elektrik in der Werkstatt die Deckenbeleuchtung. Andreas war drauf und dran eine Massensteinigung für eines der nächsten Wochenende anzusetzen. Notfalls auch unter Teilnahme von Weibsvolk mit angeklebten Bärten. Jehova!

Always look on the bright side of life

Mit dem Papst in der Tasche fand Andreas dann aber doch noch einen tatsächlichen Propheten der elektrischen Künste, der ihm in sechs Wochen Kupferpfade an den Bock legte, die nicht nur solide daher kommen, sondern auch tatsächlich funktionieren. Insgesamt fast zehn Jahre dauerte Andreas Glaubensprüfung bis hierhin. Sie war geprägt von Lied, Verfolgung, Knechtschaft und Torturen. Reich an Entbehrungen, karg an Freude. Doch im Jahr des Herrn 2016 ist das Tal der Tränen endlich durchschritten. Andreas ist ein vollwertiges und befreites Mitglied der Umbautisti-Gemeinde und kann endlich wieder Teer und Asphalt predigen. Verfickte Scheiße, bekomme ich dafür ein Amen, Brüder?!


TECHNISCHE DATEN

Marke/Modell/Bj.: Yamaha XJR 1200 (4PU) Bj.1998

Besitzer: Andreas Süss

Erbauer: Andreas/Elb Coast Customs

Motor/Motortuning: Serie mit Topham Zündplatte

Luftfilter: K&N Einzelfilter

Krümmer/Auspuff: Schühle / Verbindungsrohr und Sammler Eigenbau / Endtopf Bodis

Rahmen: verstärkt, umgebaut auf Zentralfederung

Heckrahmen: modifiziert

Schwinge: RC 36-I

Federbein/Umlenkung: Wilbers Federbein, Umlenkung Maßanfertigung

Gabel: FZR 1000 Exup mit Wilbers Federn

Gabelbrücken: Eigenbau

Lenker/Riser: LSL

Hebel: Alu gefräst

Griffe: Alu gedreht

Spiegel: Lenkerendenspiegel

Räder: Serie 3,5x17 vorn, RC36 verbreitert auf 7x17 hinten

Bereifung: Metzler Sportec M3, 120/70 ZR17 vorn, 200/50 ZR17 hinten

Bremsscheiben: Wave

Bremszangen: Yamaha R1 vorn, RC36 hinten

Bremsflüssigkeitsbehälter: ABM vorn, GSG Moto hinten

Bremsleitungen: Stahlflex

Fußrastenanlage: LSL

Höcker/Sitzbank: Fight Machines modifiziert / Echtleder

Armaturen/Schalter: Motogadget / Racetronics Taster

E-Box: Zodiac

Instrumente/Anzeigen: motoscope mini / motosign

Verkleidung/Maske/Scheinwerfer: Glow Special

Blinker vorn: Shinyo MC 1

Rücklicht: Kellermann Blinker/Rücklicht/Bremslicht-Kombi

Lackierung: Renault Vert Sequoia

Sonstiges: Motordeckel aus Alu-Guss von ECC, LiFePo4 Akku, Micron Zündspulen, Motogadget M-Lock, gefräster Alu Tankdeckel, alle Tasterkabel im Lenker/Gabelbrücke verlegt, sichtbare Schrauben gegen abgedrehte Edelstahlschrauben getauscht.

Danke an: Zecic Brothers fürs Schweißen, Dario weil er immer Zeit hatte und Eike für die Kabelei


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