Vatertag
Vatertag
Wie der Vater, so die Mutter

Nein, ich habe keine Kinder! Schon alleine um zu vermeiden, dass sich auf der Heckklappe meines Bürgerkäfigs fiese Aufkleber mit unangefragten Inhaltsangaben über transportierten genetischen Restmüll ansammeln.

Jan-Niklas an Board. Sascha-Rüdiger fährt mit. Jaqueline-Mandy on Tour. Was soll aus solchen Blagen später schon großartig werden, außer der nächsten Generation handystreichelnder Pisa-Opfer?! Neenee, ich bin geizig und behalte meine DNA schön für mich. Geschlechtsverkehr macht auch ohne Fortpflanzung Spaß. Wobei die eine oder andere Ausübungsmethode des Matratzensports sowieso nur sehr begrenzte Aussicht auf Vermehrungserfolge hat ¬— es sei denn, es hätte sich grundlegend was in Sachen Anatomie getan, seit ich Bio in der Penne hatte. Aber solange die Gebärmutter keinen Zweitzugang über die Speiseröhre hat, ist (fast) alles save.

Kinda-Hinda

Kinderlosigkeit hat aber einen eklatanten, nicht zu unterschätzenden Nachteil der einmal im Jahr seine heimtückischen und umfassenden Konsequenzen nach sie zieht: Sie nimmt dir auf entwaffnenden Art und Weise jedwede Legitimation, um mit gesellschaftlichem Segen am Vatertagstreiben teilzunehmen. Ich hatte auch schon mal versucht, beim Jugendamt eine Tageskarte für eine Adoptionen zu bekommen, die Sesselfurzer meinten aber, so was würde es nicht geben. Blagen gäbe es nur im Dauerabo. Offenbar hat man die immensen Vorteile von Kinder-Sharing noch nicht erfasst. Katholische Pfarrer würden das mit Sicherheit ebenfalls begrüßen. Rückständiges Pack.

Der Herr zum Vater

Ich hab mein persönliches Dilemma auf andere Art und Weise gelöst: Die Kollegen aus den Ostgebieten waren bei ihrer Namensvergabe deutlich weitsichtiger und tauften den Trinker-Event für Stehend-Pinkler "Herrentag". Schlaue Füchse, die! Unter dem Label kannst du dir gepflegt die Rüstung zusallern, ohne dir die restlichen 364 Tage des Jahres mit penetrantem Nachwuchs versauen zu müssen. Und so haben wir, unter Schirmherrschaft von Schorsch, der aus einem der betroffenen Landstriche stammt den "Verein zur Brauchtumspflege kinderloser Trinksitten e.V." gegründet und zelebrieren jährlich den Vatertag als Herrentag.

Mutter-Kutter

Das Gegenstück dazu, der Muttertag, ist eigentlich gar keiner. Vielmehr ist der Herrentag auch gleichzeitig der richtige Muttertag, denn der Muttertag als solcher ist für die Damenwelt ja eher unerfreulich. Müsst ihr mal drauf achten, geht schon morgens los: Die Perle muss sich bis kurz vor Mittag mit knurrendem Magen und Trombose im Bein in den Federn herumwälzen, weil ihr Macker zwar versprochen hat ihr Frühstück ans Bett zu bringen. Da er das am Vorabend aber bis nachts um 3.00h mit seinen Kumpels präventiv begossen hat, bekommt er am Tag des Geschehens den Arsch nicht aus der Kiste. Hat er sich gegen 11.00h dann endlich aufgerafft, ist er erstmal 'ne Stunde weg um Brötchen von der Tanke und 'nen Strauß Blumen aus 'nem Automaten zu holen. Sind die leer, tut's auch 'ne Dauer-Leihgabe vom Friedhof. Blumen, nicht Brötchen.

Krisengebiete schauen dich an

Mangels Routine und Erfahrung im sachgerechten Anrichten von Morgenspeisungen und von einem ausgewachsenen Kater dragsaliert, verwüstet er im Zuge seiner dilettantischen Bemühungen erst mal die Küche, bis diese aussieht wie Hiroshima 45. Das Futter wird dann wild kleckernde Weise ans Bett seiner inzwischen halb verhungerten Schnecke gebracht, die mit Rückenschmerzen vom langen Liegen vor sich hin vegetiert. Den Nachmittag ist sich dann damit beschäftigt das Krisengebiet Küche wieder zu befrieden und anschließend ein vernünftiges Abendessen zu kochen, während ihr Männe sich in die Kneipe verzieht, wo er sich mit den anderen Neandertalern trifft und man sich gegenseitig erzählt, was für ein schweinegeiler und megaaufmerksamer Lebensabschnittsgefährte man doch sei. Was hat denn das mit einem ordentlichen Muttertag zu tun?

Verhütung

Und weil ich Else wirklich liebe, habe ich ihr schon vor Jahren das größte Geschenk von allen zum Muttertag gemacht und ihr gesagt, dass wir den ab sofort komplett streichen. Dafür würde ich den Herrentag umso exzessiver begehen und ihr damit einen freien Tag ohne Kollateralschäden oder Nebenbeschäftigungszwang verschaffen. Sie hat zwar etwas zerknirscht geschaut, aber ich glaube inzwischen hat sie eingesehen, dass der eigentliche Muttertag der Vater- oder Herrentag ist. Man(n) muss nur gut argumentieren.

Zeitplan

Da es sich bei der Trinksportveranstaltung um die eines amtlichen Vereins handelt, gehen wir die Sache natürlich mit dem notwendigen Ernst an. Ernst kommt entsprechend meist als erster und ist so gegen 9.00h bei mir. Schorsch, Dieter und Günni erscheinen kurz danach. Eben fix den Bollerwagen beladen und ab dafür.

Phase I: Durst

Ein geiler Frühlingsmorgen macht sich breit. Noch etwas frisch. Restnebel tummelt sich auf den Feldwegen, aber die Sonne kommt bereits raus und zeigt, dass der Tag noch richtig schön flauschig wird. Neben der Sonne geht auch langsam die Leber auf und Durst macht sich breit. Aber nicht dieser schnöde, lediglich der Dehydrierung entgegenwirkende Durst nach Wasser. Nein, vielmehr dieser kostbare von leicht im Hals kratzender Euphorie begeleitete Durst. Durst, den nur ein kaltes Bier stillen kann. Durst, der sich anfühlt als hättest du einen trockenen Schwamm im Magen, der sich nach dem Erstkontakt mit der Hopfenkaltschale wohlig weich ausdehnt. Bierdurst. Der geilste Durst von allen. Superdurst. Durst Reloaded.

Phase III: Trinken

Ist die innere Wüste grob entstaubt, gilt es ein individuelles, auf Dauer gut zu haltendes und der Tagesform angepasstes Level zu ermitteln und zu halten. So eine Art alkoholisches Tai-Chi mit einer Prise Feng-Shui, nach dessen Gesichtspunkten wir auch den Bollerwagen beladen haben. Wichtig ist, dass Bier und Kurze nach Energiefluß-Richtlinien gestapelt sind und nicht direkt neben den Dosen mit den Böckwürsten stehen. Das gibt schlechtes Karma. Glaub ich zumindest.

Kul-Tour

Da es sich beim Herrentagstrinken nicht um gewöhnliches Höchstgeschwindigkeits-Wegschiessen, sondern eher um eine Art Marathon-Angelegenheit handelt, ist neben einer ausgeklügelten Darreichung auch langfristiges Training vor der Veranstaltung wichtig. Zu diesem Zweck haben wir in den letzten Wochen immer wieder Workout-Camps in der Werkstatt eingelegt und uns schonungs- und gnadenlos gegen uns selber immer wieder an die eigenen Grenzen — und darüber hinaus — getrieben. Fand Else zwar nicht so prall, aber ich habe ihr immer wieder gesagt, dass ich das ja nur für sie täte, damit sie einen besonders schönen Muttertag am Vatertag hätte. Zwischendurch hatte ich immer wieder das Gefühl, dass sie mich dafür hassen würde. Undank ist der Welten Lohn.

Phase IV: Auspegeln

Wir haben unseren Rhythmus gefunden. Zwei Halbe pro Stunde, alle drei Zyklen von einer Wurst und reichlich Underberg unterstützt, schaffen ein sauberes Level zwischen angeschiggert sein und langfristigem Durchhaltevermögen. Diese Balance unterscheidet den gemeinen Amateur-Herrentagler vom professionellen Brauchtumspfleger. Es trennt die Jungs von den Männern, Virtuosen von Dilettanten.

Phase V: Beschleunigung

Ernst hat es in seiner streng analytischen und wissenschaftlichen Herangehensweise mal so ausgedrückt: "Masse mal Erdbeschleunigung" und meint damit den Zusammenhang zwischen aufgenommenem Volumen, Auswirkungsgrad auf den Körper und der Vernachlässigbarkeit von hochpreisigen Erzeugnissen. Ein gottverdammter Einstein, der Kerl. So langsam wird der Bollerwagen vom Anhängsel zur Aufstützmöglichkeit und sorgt, wie das Ruder an einem Boot dafür, dass wir die Spur halbwegs halten können. Die Schlagzahl nimmt zu, ist ja auch schon Mittag durch.

Phase VI: Linguistik

Durch unseren Marsch werden langsam zwei Körperteile schwerer und schwerer: Beine und Zunge. Seltsamerweise ist beides nur außerhalb betroffener Gruppen wahrnehmbar. Wir selber bemerken die Reduzierung der Marschgeschwindigkeit nicht und auch der langsam einsetzende Verlust der Muttersprache bleibt uns verborgen. Ist halt so. Betrunkene können sich gegenseitig perfekt verstehen und artikulieren, nüchterne Außenstehende dagegen sehen nur lallende Gestalten, die unverständliches Kauderwelsch absondern. Bier scheint offensichtlich für Risse im Raum- Zeitkontinuum zu sorgen und eine Art parallelen Subraum zu schaffen. Faszinierend.

Phase VII: Kopfarbeit

Deutlich heftiger und unerfreulicher sind die sich in der nächsten Phase anschließenden Defizite, die im direkten Zusammenhang mit den in den letzten Stunden so mühsam konsumierten Fest- und Flüssigstoffen stehen. Statt jenen, von der Natur extra eingerichteten Einbahnstraßenkanal zu nutzen, streben die anverdauten Massen der eigentlich nur als Eingang gedachten Körperöffnung entgegen. Günni ist der erste, der sich den Tag noch mal durch den Kopf gehen lässt und sein Frühstück rückwärts isst. Kurz danach erleidet auch Ernst einen eklatanten Anfall von Auswurf von Lebensmitteln. Die Düngerwirkung der oralen Ausscheidungen darf mit Fug und Recht angezweifelt werden, auch wenn die zwei offenbar anderer Meinung sind und in ihrer Not einem Blumenbeet etwas Gutes tun wollen. Ich lasse diese Phase gerne aus. Was allerdings nicht heißt, dass ich nicht angeschossen wäre.

Phase II: Präventiv-Maßnahmen

Es ist inzwischen unsausweichlich: das Ende unseres Exkurses. 16.00h, kilometerweit von zu Hause entfernt, mit leerem Bollerwagen und voller Leber an einer x-beliebigen Landstraße. Die anderen liegen bereits am Grund und auch mich holt die sich in den letzten Minuten um ein Vielfaches angewachsene Erdgravitation ein, zwingt mich zu Boden und in den Schlafmodus. Unausweichliches Ende einer harten Etappe. Mir klappen die Augen zu und ich ratze ein. Als ich wieder aufwache bin ich zu Hause auf dem Sofa. Else hockt Chips-knabbernd neben mir und schaut entspannt irgendeinen Film mit Brad Pitt.

Home, sweet Home

Sie ist nicht sauer, denn sie musste mich nicht abholen, wie es vielen anderen Damen aufgebürdet wird, die ihre strunzebreiten Männer aus der Pampa abholen müssen. Denn ich habe vorgesorgt: Phase II der Aktion bestand nämlich in der Anbringung eines kleinen Klarsichtbeutels am Absatz meines Stiefels. In diesem habe ich neben Dreißig Euronen einen kleinen LED-Flasher und einen Zettel mit meiner Adresse und dem Vermerk "Hier abliefern" deponiert. Nach meinem Abgang in die Horizontale hat ein Taxifahrer gehalten, den blinkenden Beutel geöffnet, die Kohle an sich genommen, mich nach Hause zu angegebener Adresse gebracht und sogar noch aufs Sofa verfrachtet. Funktioniert jedes Jahr, schont Else und sichert mir weiterhin 100% fortpflanzungsneutrale Paarungsrituale. So bleibt auch zukünftig der Herrentag gleichzeitig ein vorzüglicher Muttertag.


Dose zur Faust,

Euer R. Leuchtung


Bürgerbüro
Bürgerbüro
Bürgerwürger

Ich hab es tatsächlich noch pünktlich geschafft: Die neue Karre ist trotz Ideen-Eskalation, kompletter Selbstüberschätzung und motivationsbremsender Winterdepressionen pünktlich zu der thermischen Anomalie fertig geworden, die man gemeinhin geschönt als "Sommer" bezeichnet. TÜV hab ich auch schon – dank Horst und seiner ganz speziellen Heul-Technik. Jetzt nur noch zum Amt und die Karre zulassen.

Vorher noch eben bei der Assekuranz-Tusse eine dieser kryptischen Buchstabenkombination angefordert, die man zum Anmelden als Versicherungsnachweis braucht. Sehr dubiose Sache. Da beauftragst du jemanden, blind deine Karre zu versichern, ohne auch nur ansatzweise zu wissen, was der später dafür aufruft. Um das zu kalkulieren braucht der Laden nämlich den Schein von dir – den du aber erst nach der Anmeldung in Händen hältst. Gut, mit 'ner originalen Karre hätte man das Drama so nicht, da reicht ein Blick in die Liste. Aber wer will das schon?

Landwirtschaft

Einer der großen Vorzüge, wenn du eher ländlich angesiedelt bist ist, dass es in bürokratischer Hinsicht tatsächlich relativ entspannt zu geht. Bei uns regelt so ziemlich alles das "Bürgerbüro", eine Art bürokratisches Kollektiv. Da kannst du deinen entlaufenen Dackel als vermisst melden, deine Unterstützung pädophiler Organisationen durch Austritt aus der Kirche klar machen, den Perso verlängern und eben auch die Karre anmelden – alles hintereinander, ohne zwischendurch aufstehen zu müssen. Komplett aus einer Hand. Saupraktisch.

Zeitmanagement

Außerdem ist da selten was los. Meist kannste direkt durchmarschieren, zur Rush-Hour sind maximal zwei bis drei andere Heinis vor dir dran. Sollte also eine entspannte Angelegenheit werden, die ich in der Mittagspause abreißen will. Ich bin perfekt vorbereitet: Alles ist sauber in einer Klarsichttüte verstaut, der Vollständigkeit mehrfach abgeglichen und ausreichend Kohle im Portemonnaie. Brauche auch ein neues Kennzeichen. Erfreulicherweise reservieren die hier im Kreis die kurzen Kombinationen, die für 18er Breite taugen, tatsächlich für Mopeten. Saubere Sache.

Warte mal

Also eben alles in die schädderige Firmenkarre geworfen und die gerade einmal vier Kilometer zum Rathaus mit einem feinstaubhaltigen Happs abgefrüstückt. Die vier Parkplätze vor dem Amt sind zur Hälfte frei, ist also nicht viel los. Rein in die Bude, durch die Glastür, die nach dem selben Prinzip funktioniert wie es die Dinger auf Raumschiff Enterprise bereits taten – und schon stehste vorm Bürgerbüro. Lediglich drei People hocken dort vor dem Durchgang, der Wartezone von heiliger Sachbearbeiterzone trennt. Lässig lasse ich mich auf einen der dort aufgestellten Sperrholz-Schemel plumpsen. Wahrscheinlich Restbestände aus der Zwangsräumung einer Waldorf-Schule.

The Voice

Die Holzschichten sind noch nicht ganz fertig damit den erfolgreichen Abschluss meines Hinsetz-Akts per Beendigung der Knarzgeräusche zu verlautbaren, da spricht mich eine Stimme von hinter dem Tresen im Wartebereich an, der normalerweise verwaist ist. Doch heute nicht. Eine Frau wendet sich in fipsiger Tonlage an mich und fragt, ob ich zum Bürgerbüro wolle. "Nein, ich bin hier um mir den Intimbereich rasieren zu lassen. Außerdem will ich mir die Vorhaut an die Stirn tackern – und wenn möglich hätte ich im Anschluss noch eine Darmspiegelung mit der extragroßen Igel-Sonde", sage ich nicht – auch wenn das angesichts meiner Präsenz im Wartebereich vor dem einzigen Raum dieser Etage durchaus angebracht gewesen wäre. Stattdessen bejahe ich das eigentlich offensichtliche: "Jo, will 'ne Karre anmelden".

Schnelle Nummer

Daraufhin zeigt die Rechte der Dame auf ein kleines Terminal und spricht: "Dann müssen sie hier eine Nummer ziehen." Was soll der Dreck denn? Neumodischer Scheiß. Egal. Ich spiele mit, bleibt mir ja eh nichts anderes übrig. Heraus kommt ein kleiner, kassenbonähnlicher Zettel, der mir die Zahl 517 vor Augen hält. Nach einigem Suchen finde ich das Gegenstück zum Terminal: den Monitor der die derzeitig aufgerufenen Ziffern verkündet. 501 wird dort aktuell in LCD angezeigt. Und ich fürchte, das ist keine zwischenzeitlich eingespielte Werbung für Jeans – sondern bedeutet, dass tatsächlich noch anderthalb Dutzend Menschen vor mir abserviert werden wollen. Zwar hat das Bürgerbüro heute insgesamt zwei besetzte Schalter – soviel kann ich durch das Entree erkennen. Aber das sind immer noch mindestens sieben Chargen vor mir.

Timeline

Mit dem Einsetzen dieser Gewissheit kollabieren spontan Raum und Zeit. Die Dimensionen ziehen sich auseinander, verzerren sich grotesk und fügen sich wie Zerrbilder wieder zusammen. Meine Wahrnehmung verschwimmt und alles wird zu einem wabernden, pulsierenden Gebilde. Eine Stunde auf so einem Warteschemel ist wie zehntausend Jahre in Echtzeit. Eine Mücke fliegt vorbei und ich bin mir sicher jeden einzelnen Flügelschlag sehen zu können. So eine Art Ultra-Slomotion. Ihr kennt diese Aufnahmen, wenn Kolibris gefilmt werden, wie sie vor einem Blumenkelch schweben und den Nektar sniefen? Zehntausend Bilder pro Sekunde.

Asynchron

Nur, dass meine eigene Uhr leider weiterhin normal läuft. Wenn ich hier durch bin, kann ich gleich einen Raum weiter meine Rente beantragen. Alt genug werde ich dann auf jeden Fall sein. Immer wieder öffnet sich die Schiebetür am Eingangsportal und frische Untote schreiten herein – alle einen Zettel mit einer niedrigeren Wartenummer als die meine in der Hand. Zermürbt von Behördengängen zu keinen emotionalen Empfindungen mehr fähig. Schwarze Augenhöhlen, eingefallen Wangenknochen, bleiche Gesichtshaut. Orks.

Einer, sie alle zu knechten

Wieder andere kehren offenbar zurück von einer Wanderschaft, die ihnen zwangsauferlegt wurde. Dunkle Mächte sandten sie aus, auf dass sie in einem Nachbargebäude um die Herausgabe von Kennzeichen kämpfen mögen. Weiße, viereckige Male, beschriftet mit den schwarzen Insignien ihrer Lehnsherren. H-XU 2765 prangt auf der Schandtafel des einen. Verlorener Krieger einer Schlacht die er selber nie gewollt hat. Überlebender des Schilder-Holocaust. Gebrandmarkt für Leben, beraubt seiner Jugend. Geschunden, geknechtet, versklavt. Man sieht es ihm an: Er verflucht den Tag, an dem er sich entschied, ein neues Auto zu kaufen.

Nasenbohrer

Zwei Stühle neben mir sitzt einer, der scheinbar schon den halben Vormittag auf der IKEA-Sitzware verbracht hat. Seine eigene Existenz hat sich mittlerweile vollkommen von der ihn umgebenden abgekoppelt. Er ist in sein eigenes Paralleluniversum abgedriftet, befindet sich in einem nebulösen Tunnelsystem. Abwechselnd schürft er in Nase und Ohren nach Schleimhautabsonderungen – und wird regelmäßig fündig. Das zu Tage geförderte, klebrige und zuweilen Fäden ziehende Material rollt er abwechseln zu kleinen Bällchen zusammen und schnippst diese in die illustre Runde oder führt visuelle Detailuntersuchungen an den Rohstoffen durch. Teilweise überrascht von Ausmaß und Qualität des Abgriffs. Nach erfolgter Examination wird der Schnodder per Einreibung zu einem Teil seiner Beinbekleidung umgewandelt. Wenn er das oft genug macht, ist die Jeans zumindest bald wasserdicht.

Dead men walking

Immer wieder schreiten weitere zombifizierte Humanoiden durch den Eingang. Von einer unsichtbaren Macht angezogen wie die Eloi von den Futterhörnern der Morlocks taumeln sie durch das Tor und fallen einen unsichtbaren Abhang hinab an dessen Fuß es keine Hoffung, kein Licht, keine Freude und keinen Gott gibt. Nur Linoleumfliesen und Plastikbäume. Es ist ein trostloses Tal. Heiterkeit und Frohsinn sind hier vor tausenden von Jahren in sich implodiert. Hier regieren die Grauen. Wer lacht, wird erschossen, wer tanzt verbrannt. Alles über flache Atemgeräusche hinaus gilt aus Aufruhr. Guantanamo mit Yuka-Palmen.

Raumzeit

Gerade einmal drei Minuten sind vergangen. Der Zähler auf dem Monitor ist nur um lächerliche zwei Zahlen nach vorne gesprungen. Der vierte Kreis der Hölle. Und es wird nicht besser. Durch die Glaswand spähe ich in den Raum, in welchen die jeweils aktuell aufgerufenen taumeln, nur um sich ein paar Schritte später wieder auf einen Schemel zu hocken, der offensichtlich nur zu einem einzigen Zweck entworfen wurde: Um den Delinquenten zu piesacken und ihm ein möglichst unbequemes Sitzerlebnis aufzuerlegen. Ein Gefühl, das wohl nur im Mittelalter Gepfählte nachempfinden können.

Schleudert den Purschen zu Poden

Nach kurzer geheuchelter Grußformel bricht eine Woge aus Anforderungen über den Hilfesuchenden hinein. Er will doch augenscheinlich nur sein Moped anmelden, fühlt sich aber behandelt als wäre er ein Kinder schändender Wiederholungstäter der vor seinem Richter steht. "Sie sind ein ganz schlechter Mensch, Herr Müller. Ihre Existenz ist eine Last für diesen Planeten. Sie sind es nicht wert seine Luft zu atmen und sein Wasser zu trinken. In den Staub mit Dir, Unwürdiger". Und bei einigen Kandidaten hat man durchaus den Eindruck, sollte diese Anweisung in diesem Moment tatsächlich an sie gerichtet werden, sie würden es ohne zu Zucken umsetzen.

Katalogware

"EVB-Nummer, Zulassungspapiere Teil 1 und 2, Personalausweis, IBAN und BIC". Entkräftet holt der Mensch die angeforderten Papiere aus der mitgeführten Mappe und reicht sie seinem Peiniger. Der sieht sie kurz durch und fragt dann: "Und wo ist der TÜV-Bericht?" Die letzten Spuren von Gesichtsfarbe weichen aus dem Teint des Antragsstellers. Er wird nun endgültig eins mit der weiß getünchten Raufasertapete an der Wand hinter sich. Die Gesichtsdurchblutung hat ausgesetzt. Endgültig. Dafür legen die Schweißdrüsen Überstunden ein. Er fingert in der Mappe herum, tastet nach darin verborgenen Papieren. Sinnlos – das Ding ist leer. Er weiß es. Doch er hat das Gefühl, solange er sucht gibt es noch Hoffnung. Doch die ist verloren in diesem Tal. "Ohne gültige TÜV-Bescheinigung kann ich ihr Krad leider nicht zulassen." Der Kandidat würde dem Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches ohne zu Zucken einen Blasen oder ihm seinen Erstgeborenen zusprechen – wenn es nur etwas helfen würde. Kurz versucht er mit Satzfetzen wie "eine Ausnahme machen" und "reiche ich nach" die Situation und hinter ihm liegende tödliche Wartezeit vor ihrer Nutzlosigkeit zu bewahren, merkt aber aus eigenen Kraft sehr schnell, dass es aussichtslos ist. Hätte er doch bloß eine Waffe mitgenommen. Er könnte mittels Geiselnahme die Zulassung erpressen. So aber kann er sich nur trollen und unverrichteter Dinge von dannen ziehen. Einen kurzen Augeblick lang meine ich ein verschmitztes Grinsen auf den Lippen des Sachbearbeiters gesehen zu haben – aber das kann nicht sein. Ich muss mich geirrt haben.

Der Springer

Ein kurzes elektronisches Signal später, welches den Aufruf der nächsten Wartenummer auf dem Bildschirm akkustisch unterstützt sitzt auch schon der nächste auf dem Hinrichtungsplatz. Er hat offensichtlich mitbekommen, welche Tragödie sich direkt vor ihm abgespielt hat und steht nun Todesängste aus, ihm könnte das gleiche widerfahren. Wenn auch ihm es an Unterlagen gebricht, er würde sich sofort aus dem Fenster stürzen. Seine zuckenden Gesichtszüge zeigen es. Er würde nicht mit dieser Schmach leben wollen, hätte nicht die Kraft für einen zweiten Anlauf. Er könnte es auch seiner Familie nicht zumuten. Die Tatsache, dass wir uns ebenerdig befinden und unter den Fenster weicher Grasboden angesiedelt ist, rettet ihm zwei Minuten später zwar das Leben, kompensiert aber nicht Umstand des vergessenen Personalausweises. Weinend liegt er im frischen Rasenschnitt und heult die Stiefmütterchen voll. Passanten ziehen ihre Kinder an sich heran. Ein Hund pinkelt ihm an den Hinterkopf.

Cerberus

Und immer noch bin ich einen zweistelligen Wert von meinem Aufruf entfernt. Bis dahin wird dieser finstere Ort wohl noch viele weitere Opfer fordern und unschuldige Menschen ins Verderben stürzen oder finale Kurzschlusshandlungen auslösen. Irgendwie war ohne dieses neue Terminal alles entspannter. Aber was will man machen?!

Fuß im Mund,
Euer Robert
Ein Schrauben-Gedicht
Ein Schrauben-Gedicht
Ein Weihnachtsmärchen

Draußen vom Aldi, da komm ich grad' her, ich muss es sagen, es dunkelt gar sehr. Dacht erst, ich hätt' nur Pupillen-Gicht, doch dann merk' ich, es schwächelt mein Licht

Zu karg ist das spärlich' H4-Gefunkel, das da kommt aus dem Masken-Furunkel. Es leuchtet nicht, es höchstens glimmt, als ob Nik'laus mir den Lichtstrahl dimmt.

Da stimmt was nicht, ich merk' es schnell, die Straße wird nicht richtig hell. Es mangelt der Karre gar deutlich an Saft, der Lichtmaschin' gebricht es an Kraft.

Zu Hause heile angekommen, der Schweiß ist mir im Helm geronnen, hol mir erstmal 'nen Korn mit Fanta, Prosit Jungs – und scheiß auf old Santa.

Der Typ in Rot muss auf mich verzichten, ich muss erstmal den Fighter richten. Man muss sie halt setzen, die Prioritäten, hab grad keine Zeit, um Säcke zu kneten.

Flugs gezückt ist das Multimeter, ran mit den Klemmen – und schon etwas später, da weiß ich's genau, ich dacht es mir flugs, der Ladestrom, er macht keinen Mucks.

Es fehlt ihm an Volt, zu niedrig die Spannung, verdammte Kacke, ich hatt' so 'ne Ahnung. Irgendwas am Bock ist nicht richtig integer, ich hoffe mal, es ist nur der Regler.

Die Hoffnung darauf ganz plötzlich entschwindet, als sich beim Messen kein Fehler einfindet. Da bleibt wohl nur eins, Asche und Schutt, die Lichtmaschine ist selber im Dutt.

Also weg mit dem Deckel, runter vom Motor, so dass ich heran komm', an ihren Rotor. Er riecht schon ganz streng und auch verkohlt, neu ist was andres, auch frisch überholt.

Nur eins trennt noch Wissen von falschem Glaube, es ist die zenrale Rotor-Halteschraube. Sie drückt die Glocke gegen die Welle, muss also ab – und zwar ganz schön schnelle.

Ich steck auf die Knarre die 17er Nuss, halte sie auf, ganz ohne Verdruss. So sehr ich mich mühe und reiß' wie die Pest, die Schraube macht nix, sie ist und bleibt fest.

Ich nehm' von der Wand, 'nen riesigen Knebel, will ihn benutzen als hilfreichen Hebel. Ich zerre, drücke, würge und ruckel bin rot im Gesicht' wie Eders Pumuckl.

Es wäre doch gelacht, ich werd's jawohl schaffen, greifen wir eben zu stärkeren Waffen. Wenn Muskelkraft nur wirkt wie fauler Zauber, muss er heraus, der große Schlagschrauber.

Ich stelle ihn ein, auf volle Kanne, da zittert sogar die Weihnachtstanne. Es dröhnt, es knarrt wie wild vor sich hin, die blöde Schraube bleibt hartnäckig drin.

Mir schmerzt schon langsam der rechte Arm, her mit dem Brenner, ich mach sie nun warm. Jetzt bin ich so richtig heftig in Fahrt, ihr Kopf lustig glüht, hat wohl tausend Grad.

Jetzt sollte es gehen, jetzt muss sie heraus, so wie Knecht Ruprecht aus dem Freudenhaus. Ich mag es nicht glauben, das kann doch nicht sein, sie bewegt sich kein Stückchen, das saudumme Schwein.

Sie muss aber runter, notfalls mit Gewalt, ich kann sonst nicht fahren durch den finst'ren Wald. Ich geh' mal nach hinten, tief in die Kammer und komme zurück mit 'nem Vorschlaghammer.

Ich dresch' auf sie ein, ich klopfe sie weich, kommt sie nicht heraus, spring' ich in den Teich. Bin nicht begeistert und auch nicht entzückt, die fiese Schraube, sie macht mich verrückt.

Ich drehe gleich durch und werd' immer böser, wo war nochmal mein guter Rostlöser? Rauf mit dem Zeug, nur nicht dran sparen, viel hilft viel – wie beim Autobahnfahren.

Es kann doch nicht sein, was ist denn hier los, was soll ich nur tun, was mache ich bloß? Ich brauche mehr Kraft, Druck und Gewalt, allein schaff ich's nicht, so werd ich nicht alt.

Ich laufe ins Haus und ruf nach der Frau, sie möge mir folgen, aus uns'rem Anbau. Ich sag was hier los ist, erklär ihr die Lag' und das ich die Schraube nicht länger ertrag.

Ich zeig' wie ich drücke, scheiter' und schrei', mir wächst aus der Rübe schon fast ein Geweih. Else sie lacht, sie grinst, gröhlt und schreit, oh Hilfe, oh Gott, jetzt ist es soweit.

Jetzt hab ich's geschafft, jetzt ist sie verrückt, das ist wohl der Grund, warum sie sich bückt. Sie wischt sich die Tränen aus ihrer Rinde, schaut mich doof an und sagt: Linksgewinde.

Ich kann's gar nicht glauben, werd' wieder ganz rot, mein Gott ist das peinlich, ich wünscht' ich wäre tot. Mit einem Ruck, Oh Sorg und Oh Graus, löst sich die Schraube und wandert heraus.

Ich drücke die Else und bau' ihr einen Schrein, nichts wie ins Haus, her mit dem Glühwein. Wenn's mal nicht klappt, nicht gleich verzagen, notfalls auch mal den Hausdrachen fragen.

Auch abseits von Kochen, Poppen und Putzen, haben Frauen durchaus einen Nutzen. Ich sage es hier, jetzt und ganz laut, das beste Werkzeug ist manchmal die Braut!

Euch allen zu Hause, in eurem Nest, wünsche ich ein feines und öliges Fest. Egal ob im Fiat, VW oder Manta, Lasst euch bescheren von Meister Santa.

Für dieses Jahr sei damit hier Schluss, ich kratze die Kurve und nehm' gleich den Bus. Wir sehen uns wieder, die kommenden Tage, Wir sind schließlich Fighter, das steht außer Frage.

Euer R. Leuchtung
Verfolgungsjagd
Verfolgungsjagd
Auf der Flucht

Dieser Tag musste ja mal kommen. Das konnte mit mir auf Dauer so nicht gut gehen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie versuchen würden mich zu erwischen. Und jetzt ist es soweit. Sie sind hinter mir her wie der Teufel hinter der reinen Seele. Robert Kimbel.

The Chase

Dabei weiß ich gar nicht mal mehr so richtig, was eigentlich konkret passiert ist. Ich hab keine Bank überfallen, keine Oma ermordet und wegen dem bisschen Schwarzarbeit am Wochenende werden die ja wohl nicht so einen Zinnober veranstalten. Aber es muss wohl was Schlimmes gewesen sein. Fluchtfahrzeug Ich sitze tief gebückt auf dem Moped. Die rechte Hand umklammert den Lenker und zieht den Griff auf Anschlag. Die Füße fest in die Rasten gedrückt, die Linke eng an den Körper gepresst um den Luftwiderstand so gering wie möglich zu halten. Die Strecke ist dreispurig und massiv befahren. Vor mir ein Leiterwagen der Feuerwehr, an dem ich versuche vorbei zu kommen. Zum Glück sind die Insassen des Löschzugs nicht an mir interessiert und probieren nicht mir den Weg abzuschneiden.

Cop shoots cop

Ich drehe mich für einen kurz Blick nach hinten, um die Situation einschätzen zu können. Auf der Spur links neben mir verfolgt mich ein Streifenwagen mit laut heulender Sirene und flackerndem Blaulicht. Das Ding ist voll besetzt und die Beamten offensichtlich gewillt, entschlossen und fahrerisch in der Lage, mir auf den Fersen zu bleiben. Ich versuche nun schon seit zehn, Minuten die Kerle abzuschütteln – ohne Erfolg. Egal was für ein Manöver ich fahre, die Kerle kleben an mir wie Pudelscheiße am Gummistiefel. Ich hole alles aus meiner Karre heraus. Sie liegt wie ein Brett auf der Straße. Eine scharfe Linkskurve. Jetzt gilt es. Ich hänge mich zum Kurveninneren neben das Motorrad. Die Knie berühren den Boden, das Leder knirscht, schmirgelt und ächzt über den Untergrund. Ich hab keine andere Chance. Alles oder nichts, Freiheit oder Sing Sing. Ich muss ihnen entkommen. Ich fliege an den Fußgängern neben der Strecke vorbei. Hier und da kreischt ein Kind, erschrockene Müttern klammern sich ängstlich an ihren Nachwuchs. Ich bete, dass keine Unbeteiligten zu Schaden kommen. Das hier ist eine Sache zwischen mir und den Sheriffs hinter mir. Zivile Opfer gilt es so weit wie möglich zu vermeiden.

Catch me if you can

Verdammt, sind die Mistkerle gut. Hatte ich in der Linkskurve noch das Gefühl, mit meinem waghalsigen Manöver den Abstand zu den Verfolgern vergrößern zu können, stelle ich mit einem hastigen Kontrollblick über die Schulter fest, dass sie nach wie vor auf Tuchfühlung hinter mir sind. Der Verkehr ist einfach zu dicht, als dass ich ihnen enteilen könnte. Ich weiß genau, dass meine Karten von Minute zu Minute schlechter werden. Je länger die Verfolgungsjagd dauert, desto mehr Zeit haben die Schergen weitere Kräfte heran zu ziehen und mich in die Zange zu nehmen. Ich muss ganz schnell raus aus der Situation. Und das geht nur durch Flucht nach vorn.

Verfolger

Verdammt, als hätte ich´s gerochen: Als mich erneut umdrehe, zeigt sich, dass meine Befürchtungen begründet waren. Ein Motorradbulle hat aufgeschlossen und sich neben den grün-silbernen Soko-Passat gesetzt. Nach hinten komme ich auf keinen Fall mehr weg. Die machen die Fahrbahn dicht, die Hunde! Ich kauere mich immer tiefer hinter die knappe Verkleidung. Der Drehzahlmesser zeigt Rot, der höchste Gang ist schon lange drin, die Geschwindigkeit kann ich nur schätzen. Sie muss aber immens sein, denn die Szenerie neben der Strecke wirkt grotesk verzerrt und verschmilzt schemenhaft. Zum Glück ist es wenigsten hell, bei Dunkelheit stünden meine Chancen deutlich schlechter. So langsam wird mir auch klar, was wohl der Auslöser für die unerwünschte Aufmerksamkeit durch die Exekutive ist: Das da unter mir, das ist gar nicht mein Motorrad. Wie zum Teufel bin ich nur auf diesen Hocker gekommen? Keine Zeit für weitere Gedanken, ich muss mich wieder auf die Strecke konzentrieren, denn die nächste scharfe Kurve zeichnet sich am Horizont bedrohlich ab. Die kleine Blondine im Porsche neben mir geht vom Gas – ich nicht. Als sie mich sieht, zeigt sie mir den Vogel. Mit Recht! Normal ist das hier alles nicht.

Keine Gnade

Wieder heißt es: Knie auf den Boden, beten, dass der Grip hält und die Fahrbahn vor mir sauber und trocken ist. Zum Glück habe ich wenigstens eine Mühle mit top Fahrwerk gezottelt, denn das Teil fährt wie auf Schienen und macht alles mit, was ich ihr abverlange. Mit meiner alten Öler hätte ich schon lange auf der Fresse gelegen. Raus aus der Kurve, wieder ganz tief hinter die Kanzel tauchen und Vollgas. So schnell die Welt um mich herum an mir vorüber zieht, so langsam scheint alles in mir zu arbeiten. Ich kann jeden einzelnen Pulsschlag wie in Zeitlupe spüren. Das Gesichtsfeld hat sich zu einem Tunnel verengt. Atmen nicht vergessen!

Zeittunnel

So geht´s die folgenden paar Minuten, die sich fast wie Stunden anfühlen weiter. Kaum habe ich etwas Raum zwischen mir und der Rennleitung gewonnen, egalisiert diese den Abstand einige Augenblicke später durch nicht weniger halsbrecherischen Manöver. Hoffentlich ist meine Kiste vollgetankt. Jetzt wegen Saftmangel langsamer werden oder gar liegen bleiben wäre tödlich. Ich will nicht in den Knast. Lebend kriegt ihr mich nicht, ihr Hunde!

Airforce One

Wieder Schulterblick. Immer noch die Minna und die BMW hinter mir, blitzende Blaulichter, heulende Sirenen. Aber da ist noch was. Als ich mich erneut nach hinten wende und den Kopf dabei leicht erhebe, fällt mir die Restfarbe aus dem Gesicht. Ein Polizeihubschrauber hat sich angeschlossen. Die Rotoren drehen sich bedrohlich und wirken auf mich wie ein übergroßes Mähwerk, einzig geschaffen zu dem Zweck mich in Stücke zu zerteilen. Hatte ich vielleicht noch eine kleine Chance gegen die erdgebundenen Tschakos, sind meine Aussichten gegen Robbi, Tobbi und das Fliwatüt praktisch null. Wie willst du einem Polizeihelikopter entkommen?

No Surrender

Und obwohl ich mir der Ausweglosigkeit meiner Lage umfassend bewusst bin, setze ich die Fahrt unbeirrt fort. Wenn ich schon dran glauben muss, will ich ihnen vorher noch den Kampf ihres Lebens liefern. Aufgeben ist keine Option, beschließe ich. Lieber zerschelle ich an einem der vor mir fahrenden LKW als mich wehrlos der Staatsmacht zu ergeben. Ich versuche alles: Windschattenfahren, ran saugen, zurückfallen lassen. Ich werde immer waghalsiger. Nur wenige Zentimeter trennen die Passanten auf dem Gehweg teilweise von mir. Wenn doch nur eine Ausfahrt käme. Vielleicht könnte ich mich in ein Wohngebiet retten oder in einer Scheune verstecken?! Oder wenigstens das Fahrzeug wechseln und unerkannt entkommen. Der Mut des Aussichtslosen. Wünsche eines Verzweifelten. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Es ist aus

Abrupt werde ich aus meinen Fluchtfantasien gerissen. Mistkackdreck, die Kiste wird immer langsamer, nimmt kein Gas mehr an. Ich taste nach dem Reservehahn, versuche herunter zu schalten, würge den Gasgriff... nichts. Ich rolle erbarmungslos aus. Das war´s dann also für Robert. Und auch die Bullen hinter mir gehen vom Gas, kommen dicht hinter mir zum Stehen. Ich steige vom Bock. Alles dreht sich, mir wird schwindelig, flau im Magen. Ich kotze mir in den Helm. Kleine Kinder zeigen mit dem Finger auf mich, während sie von ihren schockiert blickenden Eltern weg gezogen werden. Ich weiß zwar immer noch nicht genau, was eigentlich passiert ist. Aber eins dafür ganz genau: Ich fahre nie wieder besoffen Kinderkarussell!

Linker Fuß zum Gruß,

Euer Robert
Dumme Fragen
Dumme Fragen
Robert L.

Robert L. und die Schrei Fragezeichen

Es gibt keine doofen Fragen sondern nur doofe Antworten. Wer auch immer diesen Käse in die Welt gesetzt hat, hat noch nie auch nur einen Tag in einem Service-Callcenter gearbeitet. Dabei muss man nicht mal professionell Zulaber-Opfer knechten, um am eigenen Leibe den realen Gegenbeweis für diese These zu erfahren, die lediglich von Dumpfbacken aufgestellt wurde um eine Legitimation für ihr endlos dämliches Auf-den-Sack-gehen zu schaffen. Beweise gefällig?

Beispiel Nummer 1

Es wiederholt sich so unausweichlich wie die Ausstrahlung von alten James-Bond-Filmen auf den Kanälen der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender an jedem ebenso unausweichlichen wie zermürbenden Ende eines jeden Treffenwochenendes: Ausgemergelt und mit einem Kater in der Größenordnung eines ausgewachsenen bengalischen Tigers im Schädel habe ich es zu meiner eigenen Verblüffung irgendwie geschafft, mich nach Hause zu navigieren, ohne mich allzu oft zu verfahren. Ich bin zu nichts anderem mehr fähig außerhalb der Durchführung einer ausgedehnten Versuchsreihe, deren einziges Ziel es ist zu erkunden, wie lange ich am Stück auf dem Sofa liegen kann ohne dass mir der Rücken weh tut. Das Bestellen einer Pizza markiert das Maximum des von mir intellektuell zu bewerkstelligenden. Ich freue mich schon darauf, Badewasser in schwarze Brühe zu verwandeln in deren Angesicht Greenpeace sofort ausrücken und nach verschmutzen Pelikanen und Haubentauchern fahnden würde. Die Kiste noch eben schnell in der Garage abgestellt (ist das überhaupt meine?), Gepäckrolle abgeschnallt und zur Dekontamination neben die Waschmaschine gestellt. Helm runter, Sidis von den Füßen und raus aus dem Leder. Während ich an der Garderobe einen finalen Endkampf mit Jacke und Kater ausfechte, schaut Else durch die geöffnete Wohnzimmertür, blickt mich an und fragt: "Na, wieder da?" Ich lächle und bekräftige das Offensichtliche.

Verdammte Kacke, natürlich bin ich wieder da. Auch wenn ich weiß, dass die geleistete höflich-diplomatische Reaktion in Hinblick auf Gesundheit, Liebesleben und unsere gemeinsame Zukunft die einzig richtige war, hätte ich eigentlich viel lieber geantwortet: "Nein Schatz – auf dem Treffen war so ein Stand mit Hologramm-Generatoren, Stück für 'nen Zehner. Davon hab ich mir einen gekauft. Und was Du hier siehst ist nur mein virtuelles Abbild. Ich selber bin immer noch auf dem Treffen und bleibe dort auch bis zum Ende meines Lebens. Alles andere macht nun mein Hologramm für mich". Oder: "Nein, ich bin Florian Silbereisen, der von Doktor Mabuse einer plastischen Operation unterzogen und ausgesandt wurde, dich in meiner Gestalt auszuspionieren und zu seiner Sklavin zu machen." Oder: "Nein, wir drehen gerade den zweiten Teil von Face-Off". Echt jetzt?

Beispiel Nummer 2: Freies Wochenende, geiles Wetter. Der Sonntag hat mit einem exzellenten Halbschlaf-Fick bereits astrein angefangen und schreit geradezu nach einer Runde Mopedfahren. Es ist fast windstill, 25 Grad, der Asphalt gut durchgewärmt, die Kiste startbereit. Rein in Jacke, Hose, Stiefel, Helm. Letzteren habe ich vor einiger Zeit mit Lautsprechern bestückt und fahre seit dem begeistert mit angeschlossenem MP3-Player. Auch Filme werden durch ihre Soundtracks erst richtig geil, ist mit'm Kradeln nicht anders. Jeder einzelne Song handverlesen. Klinkenkabel rein, den Player via Touchscreen aktiviert, die Lautstärke angepasst, Helmriemen verschlossen und dann rein in die Handschuhe. Beim Gang aus der Haustür lacht mir die Sonne ins getönte Visier. Garage aufschließen, Tor ganz hoch und nun nur noch den Hobel von der Bühne auf die Straße wuppen, dann kann es auch schon losgehen.

Auf einmal steht mein Vermieter vor mir – ich habe die Karre noch nicht mal halb von der Bühne. Ich sehe wie sich seine Lippen bewegen, auf Grund der laufenden Mucke unterm Helm kann ich ihn aber nicht verstehen. Also Karre wieder auf die Bühne, Handschuhe aus, Helm aufgefummelt (ich hasse Doppel-D!), Wiedergabe gestoppt, Kabel raus, Sturmhaube runter. Mein Wohnraumgeber stellt meine ihm nun völlig gewidmete Aufmerksamkeit intuitiv fest und wiederholt seine eben ungehörten verhallten Worte. "Hi Robert, ich hab nur gefragt ob du eine Runde mit dem Motorrad fahren willst." "Jau, Wetter passt ja gerade." Er lächelt zufrieden, dreht sich um und schreitet von dannen.

Und ich überlege kurz, ob ich ihm hinterherlaufen und ihm das 60er Montiereisen bis zum Anschlag in den Arsch schieben sollte. Rekapitulieren wir noch einmal die Situation aus seiner Sicht: Da steht jemand in kompletter Fahrmontur, an einem sonnigen Tag, sein Motorrad in Händen und ganz offensichtlich dabei, es aus der Garage zu schieben – und das löst bei ihm die Frage nach dem Vorhaben des Protagonisten aus?! Ja, verfickte Scheiße, was bei Luzifers haarigem Penis soll ich denn sonst vorhaben, wenn nicht fahren?

Gut, vielleicht trainiere ich ja auch für einen neuen Guinessbuch-Eintrag: Motorräder in voller Fahrerkluft so oft es nur geht von der Hebebühne runter und wieder rauf zu schieben. Derzeitiger Rekordhalter: Norbert Nillenbach aus Bottrop. Er schaffte es in sieben Wochen, vier Tagen, fünf Stunden und drei Minuten seine Goldwing 774.976 Mal rauf und wieder runter zu rollen – bei jeweils fünf Minuten Pause pro Stunde.

Kann natürlich auch sein, dass ich eine Karriere als Modell für Motorradbekleidung anstrebe und nun Tag aus Tag ein in dieser Pose darauf warte von einem zufällig vorbeikommenden Gericke-Talent-Scout entdeckt zu werden. Deswegen stehe ich hier, die Karre auf halb acht, den Arsch lasziv herausgestreckt und schwitze mir einen Wolf. Wenn ich nur lange genug aushalte, kann ich bestimmt bald als Warnwesten-Coverboy meinen Lebensunterhalt verdienen. Ein Traum. Ein Alptraum.

Beispiel Nummer 3:

Ähnliche Situation wie eben, nur etwas weiter fortgeschritten, nämlich bereits unterwegs. Die Kiste folgt der schwarzen Asphaltschlange, ewig lockt der Teer. Alles schnackelt, alles schnurrt, alles stottert. Stottert?! Erst ein leichtes Ruckeln, kaum spürbar. Dann zu einem nicht wegzuignorierendem Rumpeln anwachsend. Kurze Zeit später mächtige Aussetzer, deren vortriebsfreie Phasen immer länger werden. Dann Ruhe. Völliger Stillstand. Nichts geht mehr. Fuck, kein Sprit mehr. Auf Reserve stellen bringt nichts, das hab ich nämlich vor 50 Kilometern schon gemacht, nach ein paar Sekunden aber wieder vergessen und bin so an nicht weniger als drei Tankstellen unverrichteter Dinge vorbeigezogen. Nützt nichts, ich muss schieben. Selbst Schuld. Da ich die Strecke kenne, weiß ich, dass in etwa drei Kilometern Zapfanlagen frischen Nektar für mich bereit halten. Nicht schön, aber machbar.

Also Helm runter, an den Arm getüdelt und Jacke auf – denn wie sagte schon Tom Hanks in Castaway: "Da muss Luft ran." Zum Glück ist der vor mir liegende Abschnitt eben und es geht teilweise sogar leicht bergab. Ich schiebe also los und nutze dazu den breit ausgebauten Gehweg neben der Fahrbahn. So bekomme ich den Schatten der Bäume ab und ungefährlicher als auf der Straße ist's auch. Zudem ist so gut wie nix los. Und so kommt mir auch erst nach etwa einem Kilometer ein Touri auf seinem Fahrrad entgegen. Auf meiner Höhe angekommen, bringt er seinen Drahtesel neben mir knarzend zum stehen, lupft seine Sonnenbrille und fragt "Na, läuft nicht?"

Was für eine endlos dämliche Frage! Was willste darauf antworten? "Doch doch, sie läuft. Das ist ein neuer geräuschloser Brennstoffzellenantrieb und das Standgas hat sich irgendwie verklemmt. Ich versuche die Karre nun schon seit zehn Meilen zum Stehen zu bekommen, aber sie schleift mich erbarmungslos hinter sich her." Oder: "Das ist ein neuer Trend aus den USA, nennt sich 'Green-Schiebing'. Dabei geht es darum (wie der Name schon sagt), sein Fahrzeug statt zu fahren zu schieben. Macht genauso viel Spaß wie Fahren, ist aber umweltbewusster und billiger. Ich bin gerade auf dem Weg zu einem Treffen im nächsten Ort. Ein paar Leute mit Autokränen, Sattelschleppern und Baggern schieben auch schon drauf los. Wird wieder ein exzellenter Spaß." Motherfucker!

Bespiel Nummer 4:

Für mich der härteste Fall! Und ich schwöre beim Bart meiner Großmutter – es hat sich wirklich genauso abgespielt: Wochenende, Kackwetter – was machen? Nach kurzer Telefonkonferenz steht fest: saufen bei Günnie. Ein ausgefuchster Plan, der selbst Montgomerys Schlachtplan für seinen Afrika-Feldzug wie das stümperhafte und übers Knie gebrochene Werk eines Laien aussehen lässt. Entsprechend enthusiasmiert ist die versammelte Meute. Jawoll, das wird was. Lediglich die vorhandenen Bierreserven scheinen etwas karg. Wir entscheiden uns deshalb dazu, dieses Manko präventiv zu beheben und durch eine Exkursion zum benachbarten Lidl aus der Welt zu schaffen.

Und so treten wir alle aus der Wohnung. Und während wir über die Vorzüge von Mikuni gegenüber Keihin-Flachschiebern philosophieren und dass Dosenbier viel geiler ist als das aus der Buddel, zieht Schorsch die Wohnungstür zu. Das die Aktion begleitende "Plong" lässt Günnie zu einem leicht hysterischen und reflexartigen "Neeeeiiiiiiin" ansetzen. Quasi parallel zur akustisch untermalten Feststellung des nun geschlossenen Zustands der Pforte registriert er nämlich, dass der zur Wiedererlangung des Zutritts notwendige Schlüssel noch auf dem Küchentisch liegt. Ohne den geht leider gar nichts, denn statt einer Klinke hat die Wohnungstür, typisch für ihre Gattung einen nicht drehbaren Knauf.

Nach ein paar grotesken Ansätzen ist klar, ohne Schlüsseldienst geht hier gar nichts. Die beiden aneinander gekoppelten Fragen "Kennt jemand 'ne Nummer?" und "Hat jemand ein Handy?" münden in kollektivem Schweigen und erfolglosem Getaste in den eigenen Hosentaschen. Die Dinger sind alle in den Jacken – und die liegen bei Günnie im Wohnzimmer. Halb so wild, die Straße runter befindet sich ein öffentliches vollverglastes Dixie-Klo mit Kabelanschluss – früher mal als "Telefonzelle" bekannt. Dort stiefeln wir hin und haben Glück. Das Ding funktioniert nicht nur und riecht nur ganz leicht nach Pisse, sondern die Gelben Seiten sind in einem intakten und nur bedingt versifften Zustand vorhanden, so dass wir ein paar Münzen und Fingerübungen später tatsächlich mit einem Schlüsseldienst verbunden sind. Alles wird gut.

Günnie spricht mit der Gegenstelle. "Ja, Moin, hier Güntmann... Ich hab mich aus meiner Wohnung ausgesperrt"... "Zur Fichte 17"... "Ja, hier im Ort"... "Ja, genau"... "Ja, ich hab den Schlüssel in der Wohnung liegen lassen, bin dann raus und hab die Tür zugezogen"... "Genau, nur Knauf kein Klinke". Was der Mitarbeiter auf der anderen Seite jeweils sagt, können wir natürlich nicht hören, aber aus Günnies Antworten ganz gut ableiten. Plötzlich Stille. Günnie nimmt den Hörer vom Ohr, hält ihn sich vors Gesicht und starrt ihn mit einem Gesichtsausdruck an, den man nur als Mischung aus Ungläubigkeit, blanken Entsetzen und paralysierter Starre beschreiben kann. Und noch seltsamer: Nach ein paar Sekunden des Verharrens in dieser Pose endloser Verwirrung legt er den Hörer schweigend auf die Gabel, wendet sich uns zu und wiederholt den Auslöser für seinen Zustand: "Die Alte hat mich doch tatsächlich gefragt, ob ich die Tür einfach nur zugezogen oder den Schlüssel noch einmal umgedreht hätte." WTF?! Klar, kennt jeder und passiert so jeden Tag tausendmal alleine in Deutschland: Du sprintest aus der Wohnung, ziehst die Tür zu, schließt noch einmal ab, stolperst ganz unglücklich, fällst hin, bleibst mit dem Ärmel am Türknauf hängen, klatscht mit der Hand gegen den Briefschlitz worauf hin sich der Schlüssel aus deiner Flosse löst, durch den Briefschlitz in die Wohnung poltert und auf Grund seines mitgenommenen Schwungs auf dem Küchentisch zu landen kommt. Manchmal zieh' ich auch einfach mal die Tür zu, schließ' noch mal ab und werfe den Schlüssel dann von außen durchs angekippte Küchenfenster zurück in die Wohnung. Und zuweilen machen sich auch einfach die Nachbarsjungen einen Spaß mit mir, schießen mit ihrer Teleportier-Pistole aus dem letzten YPS-Heft auf meine Hosentasche und beamen den Schlüssel so in meine Bude.

Es gibt keine Dumme Fragen?! Lächerlich! Zuweilen frage ich mich, ob es überhaupt intelligente gibt.

Fuß zur Faust,

Euer Robert
9/11 - oder: Grill Zero
9/11 - oder: Grill Zero
9/11  oder auch: Grill Zero

Ich bin jedes Jahr aufs Neue erstaunt, wie schnell der menschliche Brägen vergessen und verdrängen kann. Nach einem halben Jahr übelsten Winters jagt ein Ach ja, das gibt´s ja auch-Erlebnis das nächste. Frische, sauerstoffhaltige Luft, Vogelgezwitscher, Frühlingsgerüche, Tageslicht nach 17.00h und natürlich die ersten Verlautbarungen des reanimierten Zweiradreaktors. Geile Scheiße! Vor allem nach so einem endlosen Winter (wo bleibt eigentlich die versprochene Erderwärmung, verdammt?!) ist die Freude groß und die Nummer schreit nach standesgemäßer Zelebrierung und Einweihung.

Und das vollziehen wir traditionsgemäß am besten durch eine ordentliche Grillparty. Die ersten vorsichtigen Runden sind gedreht, die Karren haben alle TÜV  mehr als genug Anlässe zum Feiern also. Dieses Jahr bin ich mit der Ausrichtung dran. Wird nix dolles. Nur der zarte Kern, ein paar Bier, viereinhalb Meter Wurst, bisschen Schnacken, bisschen Mucke, fertig. Also den Blechsarg von der Auffahrt gefahren, Bierzeltgarnitur aufgebaut und die Boxen aus der Würgstatt nach draußen gestellt. Vom Bierdealer hab ich eine kleine Zapfanlage mit Kühlung besorgt, dazu eine 50-Liter Dose Punkerpisse  der Rest läuft auf Bring-your-own-shit-Basis ab. Else hat den Salatfredo überfallen, Chips ausm Aldi entführt und Salzstangen in kleine Gläser gefüllt, die auf Papierservietten auf den Tischen geparkt werden. Die Sonne lacht, wir haben fast 20 Grad (plus und am Stück!) und es ist Samstag. Ich reiß mir schon mal ein Stützbier auf, bevor es offiziell losgeht.

Gentlemen, start your Engines

19.00h. Die Bagage rückt an. Da das Ergebnis des Abends auf jeden Fall in kollektiver Fahruntauglich münden wird, lassen sich die meisten von ihren Holden ankarren, und diejenigen, die selber am Volant sitzen, wollen den Untersatz zu fortgeschrittener Stunde zum Nächtigen nutzen. Vorbereitung ist das halbe Leben. Die Kohle knarrt auf dem Grill, aus den Würsten tritt sporadisch Fett aus und landet zischend und wohlriechend auf den durchgeglühten Briketts. Mukke rieselt aus den Membranen der Lautsprecher und es werden Gespräche über Zylinderkopfbearbeitung, Lachgas und Heckumbauten geführt. Alles schön geschmeidig.

Rumpelpilzchen

Zwei Stunden und gute 30 Liter Schädel-Pilz später (flankiert von Schorschis illegal Selbstgebranntem, der sich laut seiner Aussage auch astrein als Bremsenreiniger und zum Entfernen von ausgehärtetem Kettenfett verwenden lässt) wird die Stimmung, sagen wir mal: ausgelassen. Der wissenschaftliche Gehalt der Gespräche verhält sich antiproportional zur inzwischen vertilgten Spritmenge, dafür keimt bereits der erste Unfug in den Hirnwindungen der Anwesenden auf. Günni stellt mit messerscharfer Präzision fest, dass der Gummianteil in der Luft deutlich zu niedrig sei und schickt sich an, diesem Umstand (in Ermangelung eines griffbereiten Zweirads) mit dem unterm Carport abgestellten Rasenmähertrecker abzuhelfen. Das Ding gehört meinem Alten und war zur Reparatur und Frühjahrsinspektion bei mir. Die Pneus haben mehr als ausreichend Gummi auf dem Gewebe  also lasse ich Günni mal machen. Leicht irritiert bin ich jedoch, als Horst mit einem Kanister unbekanntem, aber wahrscheinlich hochoktanigem Inhalt der Szenerie entgegen schreitet. Das kann ja Eiter werden.

Wetten, dass?

Der Rest der Versammelten hat sich kreisförmig zusammengerottet, und ich sehe Geldscheine die Runde machen, die allesamt bei Kalle in der Tasche verschwinden. Wie sich herausstellt, werden Wetten angenommen, wann die Rennleitung das erste Mal auftauchen wird. Wer am dichtesten dran ist, gewinnt den Pott. Jeder setzt ´nen Zehner. Ich selber enthalte mich des Spiels  man wettet ja schließlich auch nicht auf seine eigene Hinrichtung. Und mit etwas Glück bleibt die Nummer ja auch im Rahmen, die Nachbarn geschmeidig und der blau-silberne Passat in der Garage. Ich merke, wie ich leise ein erstes Stoßgebet formuliere. Die Hoffnung auf Erfolg selbigem gebe ich jedoch schon recht zügig wieder auf, als ich sehe, dass Holle und Martin sich zwischenzeitlich aus ´nem Stück 40er VA-Rohr eine Art Bratwurst-Bazooka nach Kartoffelkanonen-Prinzip gebastelt haben und mittels Acetylen und Sauerstoff nun unaufgefordert die umliegenden Häuser mit Blitzlieferungen von überschüssigem Grillgut eindecken. Shit!

Treckracing

Günni und Horst haben es inzwischen geschafft eine Technik zu entwickeln, die es ihnen erlaubt, mit dem Rasenmäher Feuerburnouts zu machen  und die Begeisterung daran scheint einfach nicht abzuebben. Außer für das Nachfassen von auf Gerste basierenden Getränken unterbrechen sie ihr Treiben über Stunden nicht. Inzwischen sind die Kotflügel des Gartenhelfers fast restlos weggeschmolzen und auch die Reifen nur noch ansatzweise als solche zu erkennen. Das dem Alten zu erklären, wird auf jeden Fall eine rhetorische Herausforderung.

Samson und Kiffi

Krüger (nicht ganz grundlos von manchen Kiffi gerufen), ist erregt mit seinem Handy am Telefonieren. Mein offensichtlich fragendes Gesicht wird von umstehenden Mitmenschen durch die Schilderung des Sachverhaltes aufgeklärt. Krüger hat offensichtlich in seinem Brausebrand die Hotline der Drogenberatung angerufen mit dem Anliegen, man möge ihm doch mitteilen, wo er jetzt noch in der Nähe etwas zu rauchen bekommen könne. Der verstörte Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung versucht seinerseits dem eklatant Beschwipsten Sinn und Zweck der Beratungseinrichtung zu vermitteln, stößt damit aber offensichtlich auf äußerst überschaubares Verständnis beim potentiell Konsumwütigen.

Heimatschutz

Auch Holle zückt sein Telefon. Alles klar, er will sich bestimmt abholen lassen. Weit gefehlt. Vielmehr stellt sich heraus, dass der Zeitpunkt seines Tipps für das Anrücken des Schnittlauchs immer näher rückt und er nicht gewillt zu sein scheint den Pott an sich vorüber ziehen zu lassen. Gut geflutet brüllt er der Dame, die sich auf seine Wahl der 110 hin meldet, entgegen, man möge sich gefälligst beeilen. Gefluche wie Auf die Nachbarn sei heutzutage ja auch kein Verlass mehr und den Hinweis, dass man jawohl ausreichen die Ruhe und öffentliche Ordnung störe, wechselt sich mit Forderungen nach dem unverzüglichen Erscheinen von SoKo oder GSG9 ab  auch die Bundeswehr würde er akzeptieren  Hauptsache uniformiert! Im Hintergrund detonieren weiter unverzehrte Bratwürstchen auf roten Dachschindeln. Hansi, der sich beim Pinkelausflug am Graben zu dicht an die Böschung wagte und unter einem alkoholbedingten Gleichgewichtsdefizit leidet, fällt in das halbvolle Bächlein. Voll mit Entengrütze und Schlamm robbt er zurück ans rettende Ufer. Holle fragt Katrin im Anblick der Szenerie, ob er den Pott auch einstreichen könne, wenn die DLRG anrücke.

Gegenveranstaltungen

Inzwischen ist Mitternacht längst durch. Die leichtsinnig spontan anberaumten Grillveranstaltungen auf den Nachbargrundstücken wurden schon vor Stunden abrupt eingestellt. Günni und Horst versuchen sich inzwischen auf der Straße an Rollin´ Burnouts mit dem Rasenmäher  was natürlich komplett in die Hose geht und zu Kollateralschäden am Rosenbeet im Vorgarten des Nachbarn gegenüber führt. Sichtlich frustriert sehen sie die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens ein und lassen ab von Treiben und Gefährt, welches hoffnungslos festgefahren zwischen umgemähten Stachelstielern vor sich hin glimmt.

Maik, Krüger

Krüger, dessen Rauchwarenakquise erwartungsgemäß erfolglos verlief, hat sich inzwischen entschieden, der Zeitpunkt sei günstig sich im Auto abzulegen. Bei eingeschalteter Zündung lullert er zu musikalischen Klängen aus seinem Autoradio auch umgehend weg, hat sich aber unglücklicherweise den Fahrersitz als Nachquartier auserkoren. Vom Alkohol übermannt kippt er regelmäßig vorne über, knallt dabei mit dem Kopf auf den Hupenknauf, was entsprechende Schallsignale zur Folge hat. Diese bilden ein hübsches Crescendo zu dem Geböller der Wurst-Flak, zart untermalt vom Knistern und Mullen des Rasenmähertreckers.

Relight my Eier

Fehlt nur noch etwas stilvolle Beleuchtung. Und die kommt auch wie bestellt prompt um die Ecke. Blaues Discolicht rundet die Atmosphäre ab und zwei Jockeys in Uniform sichten irritiert den Kriegs-Schauplatz. Nach einer nicht ganz unkomplizierten Kommunikation in deren Verlauf ich wahrheitsgetreu die Situation zu erklären versuche  was aber offensichtlich in Sachen Glaubhaftigkeit auf keinen fruchtbaren Boden seitens der Staatsmacht fällt, die mich offenkundig für komplett bescheuert hält, klärt sich die Lage dann doch noch. Nach Ablatzung eines Hunnies für Ruhestörung und groben Unfug, Bergung des Rasenstutzers und Verfrachtung von Krüger auf den Rücksitz seines Gefährts ist die Sache weitestgehend abgefrühstückt. Holle feuert zum Abrücken der Streife noch einen letzten, dreischüssigen Wurst-Salut in den Nachthimmel, Hansi, nach wie vor von Schlick und Entenkraut bedeckt, salutiert dazu und die anderen verlegen ihr Treiben mit den letzten Überlebenden in die Werkstatt. Soviel zum Thema gemütlicher Grillabend denke ich und mein Gesicht spiegelt die Freude an den Gedanken wieder, dass nächstes Jahr jemand anders mit der Ausrichtung dran ist. Ich will nicht schon wieder umziehen müssen.

Gruß zur Wurst,


Euer