Status Quo vadis

Eine der elementaren Eigenschaften unseres Tätigkeitsfeldes ist der Umstand, dass wir täglich und notorisch mit krankem Scheiß zu tun haben. Dadurch verschiebt sich das, was man als "normal" empfindet elementar. Denn Normalität ist unterm Strich nichts weiter als der Durchschnitt des Erlebten. Was Klapphelmfahrer dazu bringt die GSG-9 anzurufen und einen Sondereinsatz auszulösen, ist für uns Alltag.

Das ist nicht nur bei uns so. Für Boxer ist es völlig normal, ihrem Gegenüber die Kauleiste zu massieren, für Juweliere ist der Umgang mit Diamanten nichts Besonderes und Urologen empfinden es als die normalste Sache der Welt, Mitmenschen an die unrasierten Klöten zu packen. Der Auslösereiz, der nötig wird, um jemanden innerhalb seines jeweiligen Refugiums aus der Reserve zu locken oder in Erstaunen zu versetzen, muss folgerichtig um ein Vielfaches größer ausfallen, als bei Menschen außerhalb der Sphäre.

Die Fischerchöre

Es braucht deshalb schon einiges, damit uns das Monokel von der Nase taumelt. Das ist ganz normal, wenn du in fast 20 Jahren Vollzeittätigkeit schon so ziemlich alles gesehen hast, was mit zwei hintereinander angeordneten Rädern machbar ist. Es gibt da jedoch einen Portugiesen, der es jedes Mal schafft, durch das bloße Zusenden von Bildern der Resultate seiner letzten Kopfgeburten eine chorales "Holy motherfucking Shit" in den Redaktionsräumen erschallen zu lassen.

Space-Koks

Der gelernte Glaser mit dem unglaublichen Gespür für Formen und Farben schafft es jedes mal aufs neue, sich ganz dicht an den Ereignishorizont des bekannten Schrauberuniversums heranzuschrauben und die Binsenweisheit, man könne das Rad nicht neu erfinden, ad absurdum zu führen. Ich habe keine Ahnung, welche Drogen er sich unters Frühstücksmüsli rührt, aber ich will da auch was von.

Labsal

Sind die Kisten alleine in optische Hinsicht Skulpturen, vor die du dich stundenlang hinhocken kannst um wenigstens einen Bruchteil ihrer Ausstrahlung und Formensprache zu erhaschen, wird die Nummer um eine weitere Potenz eindrucksvoller, wenn man a) mal die Ludolpheske Werkstätte gesehen hat, in der die Mopeten in Ein-Mann-Handarbeit entstehen und sich b) vor Augen hält, dass der Lümmel die Kisten ganz normal im Alltagsbetrieb durch die Gegend kutschiert – und das alles andere als schonend.

Deutschland, deine Schubladenkinder

Unweigerlich lösen seine Kreationen die ewig-eintönige "Kein-TÜV-nicht-fahrbar" Winsel-Sonate aus, geboren aus einer Mischung von Neid, Missgunst und der Erkenntnis der eigenen Unfähigkeit der Interpreten. Angestimmt von den ewig kleingeistigen urdeutschen Schubladoholikern. Aber wen interessiert das schon?! Zum Glück ist der Tellerrand dieser Engstirnigen und Kleinkarierten nicht das Ende der Welt, sondern nur das ihres eigenen geistigen Horizonts. Also drauf geschissen!

Basejumping

Wie gehabt, hat sich Mister Mortagua wieder eine ölige Suzuki als Basis gegriffen – allerdings nicht mehr als den Motor übrig gelassen – und selbst der ist rundherum neu verdeckelt und umgemuddelt worden. Auf gekauftes Zubehör verzichtet der sympathische Bengel sowieso grundsätzlich – so auch bei seiner neuesten Schöpfung. Und wie immer hat er insbesondere in Sachen Radführung erneut konstruktiv auf begnadete Art Weise mit dem Vorschlaghammer auf die Sahne geklopft.

Rahmenlos durch die Nacht

Einen klassischen Rahmen hat die Fuhre nicht. Vielmehr besteht ihr Tragwerk aus einem Profil-Rückgrad, einem Heckausleger sowie zwei Formteilen, welche die Zylinder umfassend die Unterzüge ersetzen. Der Motor ist mittragend montiert. Vorne führt ein Achsschenkel das sechs-speichige Rad. Über eine Schubstange werden Lenkimpulse eingesteuert, die von einem zusätzlichen Dämpfer werden. Gefedert wird über ein vor dem Motor stehendes Zentralfederbein. Träger, Schenkel und Anlenkung sind Eigenentwicklung – logisch, wo will man so etwas auch kaufen?

Hintenrum

Extrem Tricky fällt auch die hintere Schwinge aus. Man muss schon sehr genau hinsehen, um die Sache zu durchblicken. Denn auf den ersten Blick scheint das Rad keinerlei Verbindung zum Rahmen zu haben und nur von der Kette gehalten zu werden. Das ist natürlich eine, durchaus gewollte Täuschung. Tatsächlich sitzt die Felge auf einem Boomerang-Träger, der sich an je einem Arm ober- und unterhalb des Achsniveaus abstützt. Diese Ausleger sind wiederum am Rahmen drehend gelagert, so dass ein bewegliches Parallelogramm mit stabiler Längsführung entsteht. Bewegungsausgleich und Dämpfung übernehmen zwei Federbeine zwischen unterem Arm und Rahmen. Da der Radträger zwischen Felge und Kettenrad (von dem er auch noch verdeckt wird) steckt sowie schwarz lackiert ist und leicht für eine Radspeiche gehalten werden kann, erscheint das Rad freischwebend.

Tubular Bells

Den für diese Lösung notwendigen Heckrahmen hat der Normalitätsallergiker aus dicken Rohren gezimmert, deren Flankenbereiche durch eine Quertraverse miteinander verbunden sind. Das sich darüber befindliche runde Fass mit der Seitenverglasung (an dieser Stelle konnte Mortagua endlich mal seinen Lehrberuf durchblitzen lassen) ist übrigens kein Aquarium, damit er Dieter (sein bengalischer Zwerg-Killerkarpfen) mit auf Tour nehmen kann – nein, das ist der Sprittank.

Industriegebiete

Der übliche Platz für die Oktansuppe war bereits vom Rahmenrückgrad belegt, so dass die Verlegung notwendig wurde. Problem an der Sache: Da wo der Tank nun sitzt, residieren eigentlich die Vergaser. Die wurden kurzerhand eine Etage höher angesiedelt und verpassen dem Fahrer bei demontierter Abdeckung einen vierfach Blowjob. Loses Kleingeld ist vor Fahrtantritt besser aus den vorderen Taschen zu entnehmen.

Wer sich lieber einen pusten statt blasen lässt, kann sich an den vier Auspuffrohren verdingen. Diese ragen – Mortagua-typisch – im extremen Salami-Cut seitlich an den Zylindern vorbei ins Freie wo sie ihrer Umgebung die Flötentöne beibringen. Normal ist das alles auf jeden Fall nicht. Und ich möchte lauthals und wild ejakulierend anfügen: Gott sei Dank!

Bilder: by Mortagua


Technische Daten:

Erbauer: Carlos Rodrigues

Rahmen: Eigenbau mit Profil-Armen

Heckrahmen: geschraubt, Eigenbau

Schwinge: Parallelogramm Einarmschwinge Eigenbau

Gabel: Achsschenkellenkung, Eigenbau

Motor: GSX-R 1100, modifiziert

Vergaser: Mikuni Gleichdruck, versetzt, auf Eigenbau Ansaugbrücke

Tank: Eigenbau

Aufpuff: Vier in nichts Eigenbau


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