Bürgerwürger

Ich hab es tatsächlich noch pünktlich geschafft: Die neue Karre ist trotz Ideen-Eskalation, kompletter Selbstüberschätzung und motivationsbremsender Winterdepressionen pünktlich zu der thermischen Anomalie fertig geworden, die man gemeinhin geschönt als "Sommer" bezeichnet. TÜV hab ich auch schon – dank Horst und seiner ganz speziellen Heul-Technik. Jetzt nur noch zum Amt und die Karre zulassen.

Vorher noch eben bei der Assekuranz-Tusse eine dieser kryptischen Buchstabenkombination angefordert, die man zum Anmelden als Versicherungsnachweis braucht. Sehr dubiose Sache. Da beauftragst du jemanden, blind deine Karre zu versichern, ohne auch nur ansatzweise zu wissen, was der später dafür aufruft. Um das zu kalkulieren braucht der Laden nämlich den Schein von dir – den du aber erst nach der Anmeldung in Händen hältst. Gut, mit 'ner originalen Karre hätte man das Drama so nicht, da reicht ein Blick in die Liste. Aber wer will das schon?

Landwirtschaft

Einer der großen Vorzüge, wenn du eher ländlich angesiedelt bist ist, dass es in bürokratischer Hinsicht tatsächlich relativ entspannt zu geht. Bei uns regelt so ziemlich alles das "Bürgerbüro", eine Art bürokratisches Kollektiv. Da kannst du deinen entlaufenen Dackel als vermisst melden, deine Unterstützung pädophiler Organisationen durch Austritt aus der Kirche klar machen, den Perso verlängern und eben auch die Karre anmelden – alles hintereinander, ohne zwischendurch aufstehen zu müssen. Komplett aus einer Hand. Saupraktisch.

Zeitmanagement

Außerdem ist da selten was los. Meist kannste direkt durchmarschieren, zur Rush-Hour sind maximal zwei bis drei andere Heinis vor dir dran. Sollte also eine entspannte Angelegenheit werden, die ich in der Mittagspause abreißen will. Ich bin perfekt vorbereitet: Alles ist sauber in einer Klarsichttüte verstaut, der Vollständigkeit mehrfach abgeglichen und ausreichend Kohle im Portemonnaie. Brauche auch ein neues Kennzeichen. Erfreulicherweise reservieren die hier im Kreis die kurzen Kombinationen, die für 18er Breite taugen, tatsächlich für Mopeten. Saubere Sache.

Warte mal

Also eben alles in die schädderige Firmenkarre geworfen und die gerade einmal vier Kilometer zum Rathaus mit einem feinstaubhaltigen Happs abgefrüstückt. Die vier Parkplätze vor dem Amt sind zur Hälfte frei, ist also nicht viel los. Rein in die Bude, durch die Glastür, die nach dem selben Prinzip funktioniert wie es die Dinger auf Raumschiff Enterprise bereits taten – und schon stehste vorm Bürgerbüro. Lediglich drei People hocken dort vor dem Durchgang, der Wartezone von heiliger Sachbearbeiterzone trennt. Lässig lasse ich mich auf einen der dort aufgestellten Sperrholz-Schemel plumpsen. Wahrscheinlich Restbestände aus der Zwangsräumung einer Waldorf-Schule.

The Voice

Die Holzschichten sind noch nicht ganz fertig damit den erfolgreichen Abschluss meines Hinsetz-Akts per Beendigung der Knarzgeräusche zu verlautbaren, da spricht mich eine Stimme von hinter dem Tresen im Wartebereich an, der normalerweise verwaist ist. Doch heute nicht. Eine Frau wendet sich in fipsiger Tonlage an mich und fragt, ob ich zum Bürgerbüro wolle. "Nein, ich bin hier um mir den Intimbereich rasieren zu lassen. Außerdem will ich mir die Vorhaut an die Stirn tackern – und wenn möglich hätte ich im Anschluss noch eine Darmspiegelung mit der extragroßen Igel-Sonde", sage ich nicht – auch wenn das angesichts meiner Präsenz im Wartebereich vor dem einzigen Raum dieser Etage durchaus angebracht gewesen wäre. Stattdessen bejahe ich das eigentlich offensichtliche: "Jo, will 'ne Karre anmelden".

Schnelle Nummer

Daraufhin zeigt die Rechte der Dame auf ein kleines Terminal und spricht: "Dann müssen sie hier eine Nummer ziehen." Was soll der Dreck denn? Neumodischer Scheiß. Egal. Ich spiele mit, bleibt mir ja eh nichts anderes übrig. Heraus kommt ein kleiner, kassenbonähnlicher Zettel, der mir die Zahl 517 vor Augen hält. Nach einigem Suchen finde ich das Gegenstück zum Terminal: den Monitor der die derzeitig aufgerufenen Ziffern verkündet. 501 wird dort aktuell in LCD angezeigt. Und ich fürchte, das ist keine zwischenzeitlich eingespielte Werbung für Jeans – sondern bedeutet, dass tatsächlich noch anderthalb Dutzend Menschen vor mir abserviert werden wollen. Zwar hat das Bürgerbüro heute insgesamt zwei besetzte Schalter – soviel kann ich durch das Entree erkennen. Aber das sind immer noch mindestens sieben Chargen vor mir.

Timeline

Mit dem Einsetzen dieser Gewissheit kollabieren spontan Raum und Zeit. Die Dimensionen ziehen sich auseinander, verzerren sich grotesk und fügen sich wie Zerrbilder wieder zusammen. Meine Wahrnehmung verschwimmt und alles wird zu einem wabernden, pulsierenden Gebilde. Eine Stunde auf so einem Warteschemel ist wie zehntausend Jahre in Echtzeit. Eine Mücke fliegt vorbei und ich bin mir sicher jeden einzelnen Flügelschlag sehen zu können. So eine Art Ultra-Slomotion. Ihr kennt diese Aufnahmen, wenn Kolibris gefilmt werden, wie sie vor einem Blumenkelch schweben und den Nektar sniefen? Zehntausend Bilder pro Sekunde.

Asynchron

Nur, dass meine eigene Uhr leider weiterhin normal läuft. Wenn ich hier durch bin, kann ich gleich einen Raum weiter meine Rente beantragen. Alt genug werde ich dann auf jeden Fall sein. Immer wieder öffnet sich die Schiebetür am Eingangsportal und frische Untote schreiten herein – alle einen Zettel mit einer niedrigeren Wartenummer als die meine in der Hand. Zermürbt von Behördengängen zu keinen emotionalen Empfindungen mehr fähig. Schwarze Augenhöhlen, eingefallen Wangenknochen, bleiche Gesichtshaut. Orks.

Einer, sie alle zu knechten

Wieder andere kehren offenbar zurück von einer Wanderschaft, die ihnen zwangsauferlegt wurde. Dunkle Mächte sandten sie aus, auf dass sie in einem Nachbargebäude um die Herausgabe von Kennzeichen kämpfen mögen. Weiße, viereckige Male, beschriftet mit den schwarzen Insignien ihrer Lehnsherren. H-XU 2765 prangt auf der Schandtafel des einen. Verlorener Krieger einer Schlacht die er selber nie gewollt hat. Überlebender des Schilder-Holocaust. Gebrandmarkt für Leben, beraubt seiner Jugend. Geschunden, geknechtet, versklavt. Man sieht es ihm an: Er verflucht den Tag, an dem er sich entschied, ein neues Auto zu kaufen.

Nasenbohrer

Zwei Stühle neben mir sitzt einer, der scheinbar schon den halben Vormittag auf der IKEA-Sitzware verbracht hat. Seine eigene Existenz hat sich mittlerweile vollkommen von der ihn umgebenden abgekoppelt. Er ist in sein eigenes Paralleluniversum abgedriftet, befindet sich in einem nebulösen Tunnelsystem. Abwechselnd schürft er in Nase und Ohren nach Schleimhautabsonderungen – und wird regelmäßig fündig. Das zu Tage geförderte, klebrige und zuweilen Fäden ziehende Material rollt er abwechseln zu kleinen Bällchen zusammen und schnippst diese in die illustre Runde oder führt visuelle Detailuntersuchungen an den Rohstoffen durch. Teilweise überrascht von Ausmaß und Qualität des Abgriffs. Nach erfolgter Examination wird der Schnodder per Einreibung zu einem Teil seiner Beinbekleidung umgewandelt. Wenn er das oft genug macht, ist die Jeans zumindest bald wasserdicht.

Dead men walking

Immer wieder schreiten weitere zombifizierte Humanoiden durch den Eingang. Von einer unsichtbaren Macht angezogen wie die Eloi von den Futterhörnern der Morlocks taumeln sie durch das Tor und fallen einen unsichtbaren Abhang hinab an dessen Fuß es keine Hoffung, kein Licht, keine Freude und keinen Gott gibt. Nur Linoleumfliesen und Plastikbäume. Es ist ein trostloses Tal. Heiterkeit und Frohsinn sind hier vor tausenden von Jahren in sich implodiert. Hier regieren die Grauen. Wer lacht, wird erschossen, wer tanzt verbrannt. Alles über flache Atemgeräusche hinaus gilt aus Aufruhr. Guantanamo mit Yuka-Palmen.

Raumzeit

Gerade einmal drei Minuten sind vergangen. Der Zähler auf dem Monitor ist nur um lächerliche zwei Zahlen nach vorne gesprungen. Der vierte Kreis der Hölle. Und es wird nicht besser. Durch die Glaswand spähe ich in den Raum, in welchen die jeweils aktuell aufgerufenen taumeln, nur um sich ein paar Schritte später wieder auf einen Schemel zu hocken, der offensichtlich nur zu einem einzigen Zweck entworfen wurde: Um den Delinquenten zu piesacken und ihm ein möglichst unbequemes Sitzerlebnis aufzuerlegen. Ein Gefühl, das wohl nur im Mittelalter Gepfählte nachempfinden können.

Schleudert den Purschen zu Poden

Nach kurzer geheuchelter Grußformel bricht eine Woge aus Anforderungen über den Hilfesuchenden hinein. Er will doch augenscheinlich nur sein Moped anmelden, fühlt sich aber behandelt als wäre er ein Kinder schändender Wiederholungstäter der vor seinem Richter steht. "Sie sind ein ganz schlechter Mensch, Herr Müller. Ihre Existenz ist eine Last für diesen Planeten. Sie sind es nicht wert seine Luft zu atmen und sein Wasser zu trinken. In den Staub mit Dir, Unwürdiger". Und bei einigen Kandidaten hat man durchaus den Eindruck, sollte diese Anweisung in diesem Moment tatsächlich an sie gerichtet werden, sie würden es ohne zu Zucken umsetzen.

Katalogware

"EVB-Nummer, Zulassungspapiere Teil 1 und 2, Personalausweis, IBAN und BIC". Entkräftet holt der Mensch die angeforderten Papiere aus der mitgeführten Mappe und reicht sie seinem Peiniger. Der sieht sie kurz durch und fragt dann: "Und wo ist der TÜV-Bericht?" Die letzten Spuren von Gesichtsfarbe weichen aus dem Teint des Antragsstellers. Er wird nun endgültig eins mit der weiß getünchten Raufasertapete an der Wand hinter sich. Die Gesichtsdurchblutung hat ausgesetzt. Endgültig. Dafür legen die Schweißdrüsen Überstunden ein. Er fingert in der Mappe herum, tastet nach darin verborgenen Papieren. Sinnlos – das Ding ist leer. Er weiß es. Doch er hat das Gefühl, solange er sucht gibt es noch Hoffnung. Doch die ist verloren in diesem Tal. "Ohne gültige TÜV-Bescheinigung kann ich ihr Krad leider nicht zulassen." Der Kandidat würde dem Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches ohne zu Zucken einen Blasen oder ihm seinen Erstgeborenen zusprechen – wenn es nur etwas helfen würde. Kurz versucht er mit Satzfetzen wie "eine Ausnahme machen" und "reiche ich nach" die Situation und hinter ihm liegende tödliche Wartezeit vor ihrer Nutzlosigkeit zu bewahren, merkt aber aus eigenen Kraft sehr schnell, dass es aussichtslos ist. Hätte er doch bloß eine Waffe mitgenommen. Er könnte mittels Geiselnahme die Zulassung erpressen. So aber kann er sich nur trollen und unverrichteter Dinge von dannen ziehen. Einen kurzen Augeblick lang meine ich ein verschmitztes Grinsen auf den Lippen des Sachbearbeiters gesehen zu haben – aber das kann nicht sein. Ich muss mich geirrt haben.

Der Springer

Ein kurzes elektronisches Signal später, welches den Aufruf der nächsten Wartenummer auf dem Bildschirm akkustisch unterstützt sitzt auch schon der nächste auf dem Hinrichtungsplatz. Er hat offensichtlich mitbekommen, welche Tragödie sich direkt vor ihm abgespielt hat und steht nun Todesängste aus, ihm könnte das gleiche widerfahren. Wenn auch ihm es an Unterlagen gebricht, er würde sich sofort aus dem Fenster stürzen. Seine zuckenden Gesichtszüge zeigen es. Er würde nicht mit dieser Schmach leben wollen, hätte nicht die Kraft für einen zweiten Anlauf. Er könnte es auch seiner Familie nicht zumuten. Die Tatsache, dass wir uns ebenerdig befinden und unter den Fenster weicher Grasboden angesiedelt ist, rettet ihm zwei Minuten später zwar das Leben, kompensiert aber nicht Umstand des vergessenen Personalausweises. Weinend liegt er im frischen Rasenschnitt und heult die Stiefmütterchen voll. Passanten ziehen ihre Kinder an sich heran. Ein Hund pinkelt ihm an den Hinterkopf.

Cerberus

Und immer noch bin ich einen zweistelligen Wert von meinem Aufruf entfernt. Bis dahin wird dieser finstere Ort wohl noch viele weitere Opfer fordern und unschuldige Menschen ins Verderben stürzen oder finale Kurzschlusshandlungen auslösen. Irgendwie war ohne dieses neue Terminal alles entspannter. Aber was will man machen?!

Fuß im Mund,
Euer Robert

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