Auf der Flucht

Dieser Tag musste ja mal kommen. Das konnte mit mir auf Dauer so nicht gut gehen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie versuchen würden mich zu erwischen. Und jetzt ist es soweit. Sie sind hinter mir her wie der Teufel hinter der reinen Seele. Robert Kimbel.

The Chase

Dabei weiß ich gar nicht mal mehr so richtig, was eigentlich konkret passiert ist. Ich hab keine Bank überfallen, keine Oma ermordet und wegen dem bisschen Schwarzarbeit am Wochenende werden die ja wohl nicht so einen Zinnober veranstalten. Aber es muss wohl was Schlimmes gewesen sein. Fluchtfahrzeug Ich sitze tief gebückt auf dem Moped. Die rechte Hand umklammert den Lenker und zieht den Griff auf Anschlag. Die Füße fest in die Rasten gedrückt, die Linke eng an den Körper gepresst um den Luftwiderstand so gering wie möglich zu halten. Die Strecke ist dreispurig und massiv befahren. Vor mir ein Leiterwagen der Feuerwehr, an dem ich versuche vorbei zu kommen. Zum Glück sind die Insassen des Löschzugs nicht an mir interessiert und probieren nicht mir den Weg abzuschneiden.

Cop shoots cop

Ich drehe mich für einen kurz Blick nach hinten, um die Situation einschätzen zu können. Auf der Spur links neben mir verfolgt mich ein Streifenwagen mit laut heulender Sirene und flackerndem Blaulicht. Das Ding ist voll besetzt und die Beamten offensichtlich gewillt, entschlossen und fahrerisch in der Lage, mir auf den Fersen zu bleiben. Ich versuche nun schon seit zehn, Minuten die Kerle abzuschütteln – ohne Erfolg. Egal was für ein Manöver ich fahre, die Kerle kleben an mir wie Pudelscheiße am Gummistiefel. Ich hole alles aus meiner Karre heraus. Sie liegt wie ein Brett auf der Straße. Eine scharfe Linkskurve. Jetzt gilt es. Ich hänge mich zum Kurveninneren neben das Motorrad. Die Knie berühren den Boden, das Leder knirscht, schmirgelt und ächzt über den Untergrund. Ich hab keine andere Chance. Alles oder nichts, Freiheit oder Sing Sing. Ich muss ihnen entkommen. Ich fliege an den Fußgängern neben der Strecke vorbei. Hier und da kreischt ein Kind, erschrockene Müttern klammern sich ängstlich an ihren Nachwuchs. Ich bete, dass keine Unbeteiligten zu Schaden kommen. Das hier ist eine Sache zwischen mir und den Sheriffs hinter mir. Zivile Opfer gilt es so weit wie möglich zu vermeiden.

Catch me if you can

Verdammt, sind die Mistkerle gut. Hatte ich in der Linkskurve noch das Gefühl, mit meinem waghalsigen Manöver den Abstand zu den Verfolgern vergrößern zu können, stelle ich mit einem hastigen Kontrollblick über die Schulter fest, dass sie nach wie vor auf Tuchfühlung hinter mir sind. Der Verkehr ist einfach zu dicht, als dass ich ihnen enteilen könnte. Ich weiß genau, dass meine Karten von Minute zu Minute schlechter werden. Je länger die Verfolgungsjagd dauert, desto mehr Zeit haben die Schergen weitere Kräfte heran zu ziehen und mich in die Zange zu nehmen. Ich muss ganz schnell raus aus der Situation. Und das geht nur durch Flucht nach vorn.

Verfolger

Verdammt, als hätte ich´s gerochen: Als mich erneut umdrehe, zeigt sich, dass meine Befürchtungen begründet waren. Ein Motorradbulle hat aufgeschlossen und sich neben den grün-silbernen Soko-Passat gesetzt. Nach hinten komme ich auf keinen Fall mehr weg. Die machen die Fahrbahn dicht, die Hunde! Ich kauere mich immer tiefer hinter die knappe Verkleidung. Der Drehzahlmesser zeigt Rot, der höchste Gang ist schon lange drin, die Geschwindigkeit kann ich nur schätzen. Sie muss aber immens sein, denn die Szenerie neben der Strecke wirkt grotesk verzerrt und verschmilzt schemenhaft. Zum Glück ist es wenigsten hell, bei Dunkelheit stünden meine Chancen deutlich schlechter. So langsam wird mir auch klar, was wohl der Auslöser für die unerwünschte Aufmerksamkeit durch die Exekutive ist: Das da unter mir, das ist gar nicht mein Motorrad. Wie zum Teufel bin ich nur auf diesen Hocker gekommen? Keine Zeit für weitere Gedanken, ich muss mich wieder auf die Strecke konzentrieren, denn die nächste scharfe Kurve zeichnet sich am Horizont bedrohlich ab. Die kleine Blondine im Porsche neben mir geht vom Gas – ich nicht. Als sie mich sieht, zeigt sie mir den Vogel. Mit Recht! Normal ist das hier alles nicht.

Keine Gnade

Wieder heißt es: Knie auf den Boden, beten, dass der Grip hält und die Fahrbahn vor mir sauber und trocken ist. Zum Glück habe ich wenigstens eine Mühle mit top Fahrwerk gezottelt, denn das Teil fährt wie auf Schienen und macht alles mit, was ich ihr abverlange. Mit meiner alten Öler hätte ich schon lange auf der Fresse gelegen. Raus aus der Kurve, wieder ganz tief hinter die Kanzel tauchen und Vollgas. So schnell die Welt um mich herum an mir vorüber zieht, so langsam scheint alles in mir zu arbeiten. Ich kann jeden einzelnen Pulsschlag wie in Zeitlupe spüren. Das Gesichtsfeld hat sich zu einem Tunnel verengt. Atmen nicht vergessen!

Zeittunnel

So geht´s die folgenden paar Minuten, die sich fast wie Stunden anfühlen weiter. Kaum habe ich etwas Raum zwischen mir und der Rennleitung gewonnen, egalisiert diese den Abstand einige Augenblicke später durch nicht weniger halsbrecherischen Manöver. Hoffentlich ist meine Kiste vollgetankt. Jetzt wegen Saftmangel langsamer werden oder gar liegen bleiben wäre tödlich. Ich will nicht in den Knast. Lebend kriegt ihr mich nicht, ihr Hunde!

Airforce One

Wieder Schulterblick. Immer noch die Minna und die BMW hinter mir, blitzende Blaulichter, heulende Sirenen. Aber da ist noch was. Als ich mich erneut nach hinten wende und den Kopf dabei leicht erhebe, fällt mir die Restfarbe aus dem Gesicht. Ein Polizeihubschrauber hat sich angeschlossen. Die Rotoren drehen sich bedrohlich und wirken auf mich wie ein übergroßes Mähwerk, einzig geschaffen zu dem Zweck mich in Stücke zu zerteilen. Hatte ich vielleicht noch eine kleine Chance gegen die erdgebundenen Tschakos, sind meine Aussichten gegen Robbi, Tobbi und das Fliwatüt praktisch null. Wie willst du einem Polizeihelikopter entkommen?

No Surrender

Und obwohl ich mir der Ausweglosigkeit meiner Lage umfassend bewusst bin, setze ich die Fahrt unbeirrt fort. Wenn ich schon dran glauben muss, will ich ihnen vorher noch den Kampf ihres Lebens liefern. Aufgeben ist keine Option, beschließe ich. Lieber zerschelle ich an einem der vor mir fahrenden LKW als mich wehrlos der Staatsmacht zu ergeben. Ich versuche alles: Windschattenfahren, ran saugen, zurückfallen lassen. Ich werde immer waghalsiger. Nur wenige Zentimeter trennen die Passanten auf dem Gehweg teilweise von mir. Wenn doch nur eine Ausfahrt käme. Vielleicht könnte ich mich in ein Wohngebiet retten oder in einer Scheune verstecken?! Oder wenigstens das Fahrzeug wechseln und unerkannt entkommen. Der Mut des Aussichtslosen. Wünsche eines Verzweifelten. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Es ist aus

Abrupt werde ich aus meinen Fluchtfantasien gerissen. Mistkackdreck, die Kiste wird immer langsamer, nimmt kein Gas mehr an. Ich taste nach dem Reservehahn, versuche herunter zu schalten, würge den Gasgriff... nichts. Ich rolle erbarmungslos aus. Das war´s dann also für Robert. Und auch die Bullen hinter mir gehen vom Gas, kommen dicht hinter mir zum Stehen. Ich steige vom Bock. Alles dreht sich, mir wird schwindelig, flau im Magen. Ich kotze mir in den Helm. Kleine Kinder zeigen mit dem Finger auf mich, während sie von ihren schockiert blickenden Eltern weg gezogen werden. Ich weiß zwar immer noch nicht genau, was eigentlich passiert ist. Aber eins dafür ganz genau: Ich fahre nie wieder besoffen Kinderkarussell!

Linker Fuß zum Gruß,

Euer Robert

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