Robert L.

Robert L. und die Schrei Fragezeichen

Es gibt keine doofen Fragen sondern nur doofe Antworten. Wer auch immer diesen Käse in die Welt gesetzt hat, hat noch nie auch nur einen Tag in einem Service-Callcenter gearbeitet. Dabei muss man nicht mal professionell Zulaber-Opfer knechten, um am eigenen Leibe den realen Gegenbeweis für diese These zu erfahren, die lediglich von Dumpfbacken aufgestellt wurde um eine Legitimation für ihr endlos dämliches Auf-den-Sack-gehen zu schaffen. Beweise gefällig?

Beispiel Nummer 1

Es wiederholt sich so unausweichlich wie die Ausstrahlung von alten James-Bond-Filmen auf den Kanälen der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender an jedem ebenso unausweichlichen wie zermürbenden Ende eines jeden Treffenwochenendes: Ausgemergelt und mit einem Kater in der Größenordnung eines ausgewachsenen bengalischen Tigers im Schädel habe ich es zu meiner eigenen Verblüffung irgendwie geschafft, mich nach Hause zu navigieren, ohne mich allzu oft zu verfahren. Ich bin zu nichts anderem mehr fähig außerhalb der Durchführung einer ausgedehnten Versuchsreihe, deren einziges Ziel es ist zu erkunden, wie lange ich am Stück auf dem Sofa liegen kann ohne dass mir der Rücken weh tut. Das Bestellen einer Pizza markiert das Maximum des von mir intellektuell zu bewerkstelligenden. Ich freue mich schon darauf, Badewasser in schwarze Brühe zu verwandeln in deren Angesicht Greenpeace sofort ausrücken und nach verschmutzen Pelikanen und Haubentauchern fahnden würde. Die Kiste noch eben schnell in der Garage abgestellt (ist das überhaupt meine?), Gepäckrolle abgeschnallt und zur Dekontamination neben die Waschmaschine gestellt. Helm runter, Sidis von den Füßen und raus aus dem Leder. Während ich an der Garderobe einen finalen Endkampf mit Jacke und Kater ausfechte, schaut Else durch die geöffnete Wohnzimmertür, blickt mich an und fragt: "Na, wieder da?" Ich lächle und bekräftige das Offensichtliche.

Verdammte Kacke, natürlich bin ich wieder da. Auch wenn ich weiß, dass die geleistete höflich-diplomatische Reaktion in Hinblick auf Gesundheit, Liebesleben und unsere gemeinsame Zukunft die einzig richtige war, hätte ich eigentlich viel lieber geantwortet: "Nein Schatz – auf dem Treffen war so ein Stand mit Hologramm-Generatoren, Stück für 'nen Zehner. Davon hab ich mir einen gekauft. Und was Du hier siehst ist nur mein virtuelles Abbild. Ich selber bin immer noch auf dem Treffen und bleibe dort auch bis zum Ende meines Lebens. Alles andere macht nun mein Hologramm für mich". Oder: "Nein, ich bin Florian Silbereisen, der von Doktor Mabuse einer plastischen Operation unterzogen und ausgesandt wurde, dich in meiner Gestalt auszuspionieren und zu seiner Sklavin zu machen." Oder: "Nein, wir drehen gerade den zweiten Teil von Face-Off". Echt jetzt?

Beispiel Nummer 2: Freies Wochenende, geiles Wetter. Der Sonntag hat mit einem exzellenten Halbschlaf-Fick bereits astrein angefangen und schreit geradezu nach einer Runde Mopedfahren. Es ist fast windstill, 25 Grad, der Asphalt gut durchgewärmt, die Kiste startbereit. Rein in Jacke, Hose, Stiefel, Helm. Letzteren habe ich vor einiger Zeit mit Lautsprechern bestückt und fahre seit dem begeistert mit angeschlossenem MP3-Player. Auch Filme werden durch ihre Soundtracks erst richtig geil, ist mit'm Kradeln nicht anders. Jeder einzelne Song handverlesen. Klinkenkabel rein, den Player via Touchscreen aktiviert, die Lautstärke angepasst, Helmriemen verschlossen und dann rein in die Handschuhe. Beim Gang aus der Haustür lacht mir die Sonne ins getönte Visier. Garage aufschließen, Tor ganz hoch und nun nur noch den Hobel von der Bühne auf die Straße wuppen, dann kann es auch schon losgehen.

Auf einmal steht mein Vermieter vor mir – ich habe die Karre noch nicht mal halb von der Bühne. Ich sehe wie sich seine Lippen bewegen, auf Grund der laufenden Mucke unterm Helm kann ich ihn aber nicht verstehen. Also Karre wieder auf die Bühne, Handschuhe aus, Helm aufgefummelt (ich hasse Doppel-D!), Wiedergabe gestoppt, Kabel raus, Sturmhaube runter. Mein Wohnraumgeber stellt meine ihm nun völlig gewidmete Aufmerksamkeit intuitiv fest und wiederholt seine eben ungehörten verhallten Worte. "Hi Robert, ich hab nur gefragt ob du eine Runde mit dem Motorrad fahren willst." "Jau, Wetter passt ja gerade." Er lächelt zufrieden, dreht sich um und schreitet von dannen.

Und ich überlege kurz, ob ich ihm hinterherlaufen und ihm das 60er Montiereisen bis zum Anschlag in den Arsch schieben sollte. Rekapitulieren wir noch einmal die Situation aus seiner Sicht: Da steht jemand in kompletter Fahrmontur, an einem sonnigen Tag, sein Motorrad in Händen und ganz offensichtlich dabei, es aus der Garage zu schieben – und das löst bei ihm die Frage nach dem Vorhaben des Protagonisten aus?! Ja, verfickte Scheiße, was bei Luzifers haarigem Penis soll ich denn sonst vorhaben, wenn nicht fahren?

Gut, vielleicht trainiere ich ja auch für einen neuen Guinessbuch-Eintrag: Motorräder in voller Fahrerkluft so oft es nur geht von der Hebebühne runter und wieder rauf zu schieben. Derzeitiger Rekordhalter: Norbert Nillenbach aus Bottrop. Er schaffte es in sieben Wochen, vier Tagen, fünf Stunden und drei Minuten seine Goldwing 774.976 Mal rauf und wieder runter zu rollen – bei jeweils fünf Minuten Pause pro Stunde.

Kann natürlich auch sein, dass ich eine Karriere als Modell für Motorradbekleidung anstrebe und nun Tag aus Tag ein in dieser Pose darauf warte von einem zufällig vorbeikommenden Gericke-Talent-Scout entdeckt zu werden. Deswegen stehe ich hier, die Karre auf halb acht, den Arsch lasziv herausgestreckt und schwitze mir einen Wolf. Wenn ich nur lange genug aushalte, kann ich bestimmt bald als Warnwesten-Coverboy meinen Lebensunterhalt verdienen. Ein Traum. Ein Alptraum.

Beispiel Nummer 3:

Ähnliche Situation wie eben, nur etwas weiter fortgeschritten, nämlich bereits unterwegs. Die Kiste folgt der schwarzen Asphaltschlange, ewig lockt der Teer. Alles schnackelt, alles schnurrt, alles stottert. Stottert?! Erst ein leichtes Ruckeln, kaum spürbar. Dann zu einem nicht wegzuignorierendem Rumpeln anwachsend. Kurze Zeit später mächtige Aussetzer, deren vortriebsfreie Phasen immer länger werden. Dann Ruhe. Völliger Stillstand. Nichts geht mehr. Fuck, kein Sprit mehr. Auf Reserve stellen bringt nichts, das hab ich nämlich vor 50 Kilometern schon gemacht, nach ein paar Sekunden aber wieder vergessen und bin so an nicht weniger als drei Tankstellen unverrichteter Dinge vorbeigezogen. Nützt nichts, ich muss schieben. Selbst Schuld. Da ich die Strecke kenne, weiß ich, dass in etwa drei Kilometern Zapfanlagen frischen Nektar für mich bereit halten. Nicht schön, aber machbar.

Also Helm runter, an den Arm getüdelt und Jacke auf – denn wie sagte schon Tom Hanks in Castaway: "Da muss Luft ran." Zum Glück ist der vor mir liegende Abschnitt eben und es geht teilweise sogar leicht bergab. Ich schiebe also los und nutze dazu den breit ausgebauten Gehweg neben der Fahrbahn. So bekomme ich den Schatten der Bäume ab und ungefährlicher als auf der Straße ist's auch. Zudem ist so gut wie nix los. Und so kommt mir auch erst nach etwa einem Kilometer ein Touri auf seinem Fahrrad entgegen. Auf meiner Höhe angekommen, bringt er seinen Drahtesel neben mir knarzend zum stehen, lupft seine Sonnenbrille und fragt "Na, läuft nicht?"

Was für eine endlos dämliche Frage! Was willste darauf antworten? "Doch doch, sie läuft. Das ist ein neuer geräuschloser Brennstoffzellenantrieb und das Standgas hat sich irgendwie verklemmt. Ich versuche die Karre nun schon seit zehn Meilen zum Stehen zu bekommen, aber sie schleift mich erbarmungslos hinter sich her." Oder: "Das ist ein neuer Trend aus den USA, nennt sich 'Green-Schiebing'. Dabei geht es darum (wie der Name schon sagt), sein Fahrzeug statt zu fahren zu schieben. Macht genauso viel Spaß wie Fahren, ist aber umweltbewusster und billiger. Ich bin gerade auf dem Weg zu einem Treffen im nächsten Ort. Ein paar Leute mit Autokränen, Sattelschleppern und Baggern schieben auch schon drauf los. Wird wieder ein exzellenter Spaß." Motherfucker!

Bespiel Nummer 4:

Für mich der härteste Fall! Und ich schwöre beim Bart meiner Großmutter – es hat sich wirklich genauso abgespielt: Wochenende, Kackwetter – was machen? Nach kurzer Telefonkonferenz steht fest: saufen bei Günnie. Ein ausgefuchster Plan, der selbst Montgomerys Schlachtplan für seinen Afrika-Feldzug wie das stümperhafte und übers Knie gebrochene Werk eines Laien aussehen lässt. Entsprechend enthusiasmiert ist die versammelte Meute. Jawoll, das wird was. Lediglich die vorhandenen Bierreserven scheinen etwas karg. Wir entscheiden uns deshalb dazu, dieses Manko präventiv zu beheben und durch eine Exkursion zum benachbarten Lidl aus der Welt zu schaffen.

Und so treten wir alle aus der Wohnung. Und während wir über die Vorzüge von Mikuni gegenüber Keihin-Flachschiebern philosophieren und dass Dosenbier viel geiler ist als das aus der Buddel, zieht Schorsch die Wohnungstür zu. Das die Aktion begleitende "Plong" lässt Günnie zu einem leicht hysterischen und reflexartigen "Neeeeiiiiiiin" ansetzen. Quasi parallel zur akustisch untermalten Feststellung des nun geschlossenen Zustands der Pforte registriert er nämlich, dass der zur Wiedererlangung des Zutritts notwendige Schlüssel noch auf dem Küchentisch liegt. Ohne den geht leider gar nichts, denn statt einer Klinke hat die Wohnungstür, typisch für ihre Gattung einen nicht drehbaren Knauf.

Nach ein paar grotesken Ansätzen ist klar, ohne Schlüsseldienst geht hier gar nichts. Die beiden aneinander gekoppelten Fragen "Kennt jemand 'ne Nummer?" und "Hat jemand ein Handy?" münden in kollektivem Schweigen und erfolglosem Getaste in den eigenen Hosentaschen. Die Dinger sind alle in den Jacken – und die liegen bei Günnie im Wohnzimmer. Halb so wild, die Straße runter befindet sich ein öffentliches vollverglastes Dixie-Klo mit Kabelanschluss – früher mal als "Telefonzelle" bekannt. Dort stiefeln wir hin und haben Glück. Das Ding funktioniert nicht nur und riecht nur ganz leicht nach Pisse, sondern die Gelben Seiten sind in einem intakten und nur bedingt versifften Zustand vorhanden, so dass wir ein paar Münzen und Fingerübungen später tatsächlich mit einem Schlüsseldienst verbunden sind. Alles wird gut.

Günnie spricht mit der Gegenstelle. "Ja, Moin, hier Güntmann... Ich hab mich aus meiner Wohnung ausgesperrt"... "Zur Fichte 17"... "Ja, hier im Ort"... "Ja, genau"... "Ja, ich hab den Schlüssel in der Wohnung liegen lassen, bin dann raus und hab die Tür zugezogen"... "Genau, nur Knauf kein Klinke". Was der Mitarbeiter auf der anderen Seite jeweils sagt, können wir natürlich nicht hören, aber aus Günnies Antworten ganz gut ableiten. Plötzlich Stille. Günnie nimmt den Hörer vom Ohr, hält ihn sich vors Gesicht und starrt ihn mit einem Gesichtsausdruck an, den man nur als Mischung aus Ungläubigkeit, blanken Entsetzen und paralysierter Starre beschreiben kann. Und noch seltsamer: Nach ein paar Sekunden des Verharrens in dieser Pose endloser Verwirrung legt er den Hörer schweigend auf die Gabel, wendet sich uns zu und wiederholt den Auslöser für seinen Zustand: "Die Alte hat mich doch tatsächlich gefragt, ob ich die Tür einfach nur zugezogen oder den Schlüssel noch einmal umgedreht hätte." WTF?! Klar, kennt jeder und passiert so jeden Tag tausendmal alleine in Deutschland: Du sprintest aus der Wohnung, ziehst die Tür zu, schließt noch einmal ab, stolperst ganz unglücklich, fällst hin, bleibst mit dem Ärmel am Türknauf hängen, klatscht mit der Hand gegen den Briefschlitz worauf hin sich der Schlüssel aus deiner Flosse löst, durch den Briefschlitz in die Wohnung poltert und auf Grund seines mitgenommenen Schwungs auf dem Küchentisch zu landen kommt. Manchmal zieh' ich auch einfach mal die Tür zu, schließ' noch mal ab und werfe den Schlüssel dann von außen durchs angekippte Küchenfenster zurück in die Wohnung. Und zuweilen machen sich auch einfach die Nachbarsjungen einen Spaß mit mir, schießen mit ihrer Teleportier-Pistole aus dem letzten YPS-Heft auf meine Hosentasche und beamen den Schlüssel so in meine Bude.

Es gibt keine Dumme Fragen?! Lächerlich! Zuweilen frage ich mich, ob es überhaupt intelligente gibt.

Fuß zur Faust,

Euer Robert

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