Die kleinen Unterschiede

Man braucht sich nicht hinter dem Stufenführerschein zu verstecken, wenn man nach Ausreden sucht, warum ein stockschwuler Softchopper auf der Auffahrt steht statt eines amtlichen Brecheisens. Christian ist dem Teenie-Alter zwar schon mehrfach entwachsen, zeigt mit seiner ER-6N aber mal eben auf die ganz Lässige, dass sich auch aus Mittelklassemopeten erstklassige Umbauten fertigen lassen. Also aufgemerkt und zugeschaut, ihr Heisssporne da draussen!

Wahlverhalten

Kaum jemand weiss besser als Christian, dass Motorräder, auf denen man hockt wie auf ´nem Tiefspüler, keinen Spaß machen - er hatte nämlich selber bereits einige dieser Roll-Klos unterm Hintern - erfreulicherweise ohne dauerhaften Schaden zu nehmen. Nach diversen Eskapaden auf tauglicheren Untersätzen sowie einer hausbaubedingten Zwangspause, kam 2008 dann eine nagelneue ER-6N auf die frisch gepflasterte Einfahrt. Da Nadine, Christians zierliche Göttergattin, ebenfalls Anspruch auf ein Familienkrad anmeldete, fiel von vornherein allzu großkalibriges und schwergewichtiges Gerät aus. Zudem versprach die Kombination aus durchaus kräftigem Zweizylinder nebst niedrigem Gewicht und superbem Handling jede Menge Spaß im kurvigen Gelände, was Christian wichtiger war als mit 300 km/h geradeaus fahren zu können.

Baustopp

Obwohl frisch aus dem Laden und noch nicht mal eingefahren, machte sich der Herr des frisch gebauten Hauses daran, die Kawa nach und nach umzustricken. Bis Nadine eines Tages in Notwehr ihr Veto einlegte, wollte sie doch auch mal fahren mit der Anschaffung und sie nicht nur zerlegt in der Garage bewundern. Damit Christian nicht auf kreativen Entzug geriet, beschloss das Paar, unterstützt durch Kollege Zufall, eine zweite ER-6N zu kaufen. Eine rechtsseitig verunfallte Maschine wagte sich in einem unvorsichtigen Moment zu weit in Christians Sichtfeld. Der zögerte nicht lange und erlegte das scheue Tier mit drei Salven aus dem nächsten Geldautomaten.

Suchtverhalten

Das Wrack war noch nicht ganz in der Garage, da zerpflückte es der ambitionierte Bastler bereits in seine Einzelteile. Nachdem der Heckrahmen deutlich verkürzt und umgeschweisst war, wurde der ausgesuchte GFK-Höcker angepasst. Diese Aufgabe übernahm Nadine, die nicht nur ihre Freude an filigranen Basteleien hat, sondern auch die dazu nötige Ruhe und Geduld. Wo sie in vertrackten Situationen noch mit Puls 60 munter dremelt, hätte Christian schon lange mit mittelgroßen Gegenständen um sich geworfen oder wäre ins nächstgelegene Waldstück gerannt, um ein bis zwei Hirsche zu erdrosseln.

Hängt ihn höher

Damit das Heck weit genug in den Abendhimmel ragt, kommt das Federbein einer Versys zum Einsatz, was einige zusätzliche Zentimeter Achterdeck-Erektion erlaubt. Da die Zweisitzigkeit fortan ins Reich der Geschichte gehörte, gab es auch keine Notwendigkeit mehr, die monströsen Soziusfußrastenausleger mit sich herumzuschleppen. Um dennoch die stilbildende Grundplattenform behalten zu können, beschnitt Christian die Teile soweit, bis sie nur noch dem Fahrer dienlich waren. Unter den Resten ruht ein angepasster Leo-Auspuff und entlässt die verbrannten Altgase noch vor dem Hinterrad ins Freie. Bei dem vergleichsweise übersichtlichen Hubraum des Twins sind hier keine monströsen Resonanzvolumen von Nöten, so dass die knackig-kurze Lösung nicht zu Lasten der Leistung geht, wie dies bei Großwild gerne mal der Fall ist.

Käs-Modda

Auf der Suche nach einem brauch- und bezahlbaren Kühlwasser-Ausgleichsbehälter mußte Christian feststellen, dass es nichts Kaufbares am Markt gab, das seinen Vorstellungen entsprach. "Zu teuer" oder "zu scheiße" lauteten meist die spontanen Urteile des Suchenden, bis er durch Zufall in einem Elektronikfachgeschäft in der Computerabteilung fündig wurde. Zwischen Gayboy, Blähstation und Wixbox fanden sich astreine Bauteile, die ursprünglich für Wasserkühlungen von CPUs gedacht waren. Günstig, stabil und modular zeigten sich die Brocken. 20 Euronen später hatte Christian den selektierten Korpus nebst Deckeln und Anschlüssen in seinen Händen und machte sich daran aus den Einzelteilen einen ansehnlichen Behälter zu zaubern - mit Erfolg.

Beulenpest

Der Tank sah dank des Unfalls aus, als hätte sich Yokozuna auf ihn gesetzt. Nur noch mit einem Bruchteil seines ursprünglichen Volumens versehen und verknittert wie das Gesicht von Uschi Glas während einer Durchfallattacke, war er eigentlich ein Fall für die Tonne. Und dort wäre der Behälter auch gelandet, hätte sich nicht ein Kollege von Christian der Blase angenommen und erst die Beulen herausgezogen und das Ergebnis anschließend verzinnt und verspachtelt. Da die Entbeulung unglaublich sorgsam durchgeführt wurde, reichten hauchdünne Schichten zur abschließenden Oberflächenvergütung, so dass kaum zusätzliches Gewicht in Kauf genommen werden muss.

Mach's dir selbst

Einen Fallstrick der besonderen Sorte brachte der Fußrastenumbau mit sich, wollte Christian in dem Zuge gleich die Schalthebelanatomie etwas variieren. Dazu bereitete er alles vor, fertigte Pedal und Auslieger an um diese dann von einem Fachmann verschweissen zu lassen. Der drehte die Teile aber vor dem Gebrutzel so oft hin und her, dass sie zum Zeitpunkt der Verbindung um 180 Grad verkehrt auf dem Schweiss-Tisch lagen. Das sah nicht nur doof aus, sondern schaltete sich auch unglaublich scheiße, befand sich das Pedal doch nun auf der Innenseite des Hebels, also zum Motor hin. Es gab nun zwei Lösungswege: Entweder so lange Yoga machen, bis Christian mit seinen Greten zwischen Motor und Schalthebel kommen würde - oder die Sache selber in die Hand nehmen. Also alles wieder zerflext und dieses Mal in Heimarbeit komplettiert. Yoga is´eh kacke!

Vorbau

Deutlich unkomplizierter zeigte sich der Umbau des Kawa-Gesichtsfeldes. Der postmoderne Kawa-Flak-Scheinwerfer wanderte in die Tonne und eine Alien-Maske an seine Stelle. Auf das prägnante Hauptinstrument eine Etage höher wollte Christian nicht verzichten, sondern verlegte sich stattdessen darauf, es von seiner Verkleidung zu befreien und neu zu positionieren. Ein LSL Superbike-Lenker in freundlichem Schwarz nebst farblich passender Griffe und Hebeleien macht den Arbeitsplatz heimeliger und passt wunderbar zur klassisch orange-schwarzen Tätowierung der Mopete. Aufgepeppt wird das Farbschema durch subtile Race-Flag-Applikationen, die sich teilweise auf den Innenseiten der Lackteile verstecken. Nadine gefällt der Umbau inzwischen so gut, dass ihre eigene ER-6N dem eingeschlagenen Pfad folgt und einem vergleichbaren Prozess unterzogen wird.

Konklusion

Es mag wohl Motorräder geben, die alleine mehr Hubraum haben als die beiden Kawas des Paares zusammen, das heißt aber noch lange nicht, dass man mit den Dickschiffen auch nur halb so viel Spaß haben muss, wie die verkannten Mittelhubraumer anrichten. Die Einheit von Spaß ist nämlich nicht Liter. Also traut euch ruhig was, der Stufenführerschein allein kann spätestens ab heute nicht mehr als Ausrede gelten.


TECHNISCHE DATEN

Marke/Modell/Bj.: Kawasaki / ER-6N / 2006

Erbauer: Christian

Motor: 650 ccm Viertakt-Zweizylinder

Wasserkühler: Kühlflüssigkeitsausgleichsbehälter für PC außenseitig verbaut

Krümmer/Auspuff: Krümmer original poliert / Auspuff LeoVince SBK

Heckrahmen: gekürzt und neu aufgebaut

Federbein: Kawasaki Versys

Räder: Leichtmetall Guss mit sechs Speichen und orangenen Felgenstreifen

vorn: 17 x 3,5

hinten: 17 x 4,5

Bereifung: BT 16

vorn: 120 / 70 ZR17

hinten: 160 / 60 ZR 17

Lenker/Riser: LSL Streetbar A00

Bremsen: Doppelscheibenbremsen, gelocht

vorn: Saito Sinter

hinten: Saito Sinter

Fußrastenanlage: gekürzte Fußrastenplatte mit Buell Fußrasten

Tank: original mit eigen angefertigtes Verschlusslogo

Verkleidung/Maske/Scheinwerfer: Lampenmaske New Alien mit Xenon Kit

Seitenverkleidung innen im Raceflag-Design lackiert, passend zum Bugspoiler

Höcker/Sitzbank: Super Shorty mit eingefassten LED-Blinker und LED-Rücklicht

Kotflügel: stark modifiziert

Kühlerblende: Edelstahl mit ER-6N Schriftzug

Instrumente/Anzeigen:Serieninstrument ohne Verkleidung

Lackierung: Pearl Wildfire orange mit schwarzen Streifen

Sonstiges: Lenkerendenspiegel matt schwarz, Katzenauge in Rücklicht eingelassen, Griffe CNC gefräst, matt Schwarz, verstellbarer Kennzeichenhalter Edelstahl mit Er6N Schriftzug, Motorbeleuchtung mit Fernbedienung

Danke an: Meine Frau Nadine, dass sie nicht nur mit geschraubt hat, sondern auch die Geduld mit mir hatte und mir erlaubt hat meine kleine Fighter an Weihnachten im Wohnzimmer wieder zusammen zubauen, an unseren Lackierer Martin, an die Forumsmitglieder des ER-6N-Forums, die uns mit diversen Teilen ausgeholfen haben und alle anderen die ich jetzt vergessen hab.


Anzeige:


  • 01 ER-6N HH 01 ER-6N HH
  • 02 ER-6N HH 02 ER-6N HH
  • 04 ER-6N HH 04 ER-6N HH
  • 05 ER-6N HH 05 ER-6N HH
  • 06 ER-6N HH 06 ER-6N HH
  • 07 ER-6N HH 07 ER-6N HH
  • 08 ER-6N HH 08 ER-6N HH
  • 09 ER-6N HH 09 ER-6N HH
  • 10 ER-6N HH 10 ER-6N HH
  • 11 ER-6N HH 11 ER-6N HH
  • 12 ER-6N HH 12 ER-6N HH
  • 13 ER-6N HH 13 ER-6N HH
  • 14 ER-6N HH 14 ER-6N HH
  • 15 ER-6N HH 15 ER-6N HH
  • 16 ER-6N HH 16 ER-6N HH
  • 17 ER-6N HH 17 ER-6N HH
  • 18 ER-6N HH 18 ER-6N HH
  • 19 ER-6N HH 19 ER-6N HH
  • 20 ER-6N HH 20 ER-6N HH
  • 21 ER-6N HH 21 ER-6N HH
  • 22 ER-6N HH 22 ER-6N HH
  • 23 ER-6N HH 23 ER-6N HH
  • 24 ER-6N HH 24 ER-6N HH
  • 25 ER-6N HH 25 ER-6N HH
  • 26 ER-6N HH 26 ER-6N HH
  • 27 ER-6N HH 27 ER-6N HH
  • 28 ER-6N HH 28 ER-6N HH
  • 29 ER-6N HH 29 ER-6N HH
  • 30 ER-6N HH 30 ER-6N HH
  • 31 ER-6N HH 31 ER-6N HH
  • 32 ER-6N HH 32 ER-6N HH
  • 33 ER-6N HH 33 ER-6N HH
  • 34 ER-6N HH 34 ER-6N HH
  • 35 ER-6N HH 35 ER-6N HH
  • 36 ER-6N HH 36 ER-6N HH
  • 37 ER-6N HH 37 ER-6N HH
  • 38 ER-6N HH 38 ER-6N HH
  • 39 ER-6N HH 39 ER-6N HH
  • 40 ER-6N HH 40 ER-6N HH
  • 41 ER-6N HH 41 ER-6N HH