Standhaft

Die wenigsten Eltern stellen ihren Nachwuchs zum Sperrmüll an die Straße, nur weil der sich mal beim Spielen eine Haxe gebrochen hat. Stattdessen bekommt der Zögling teure Arzneien und liebevolle Zuwendung spendiert und die defekten Gräten werden geschient. Es gibt keinen Grund, das bei Motorrädern anders zu handhaben.

Auch wenn Olli als gelernter und amtierender Fassadenbauer nicht gerade aus einer KFZ-nahen Zunft kommt, verfügt er über fundamentale Kenntnisse auf dem Sektor, die er sich über Jahrzehnte schmerz- und erfahrungsreicher Selbstversuche angeeignet hat. Großartige Zweifel an der Wahl seiner persönlichen Waffengattung blieben zudem von Anfang an aus. Irrwege über Roll-Klos oder Affenschaukel-Gehhilfen ließ er einfach mal aus. Vielmehr wusste Olli schon recht früh um den wahren Sinn des zweirädrigen Lebens und kaufte sich anno 1997 eine gerade einmal sechs Monate junge Blade in komplett originalem Zustand. Das Leben ist einfach zu kurz, um beknackte Motorräder zu fahren.

Die Braut bleibt unverbaut

Konnte sich die Honda die ersten drei Jahre noch ihres unangetasteten Lackkleids erfreuen, fiel mit der Jahrtausendwende erst der Startschuss und dann der Hammer für massive erzieherische Maßnahmen am Gestühl. Als erstes wurden mal die großflächigen plastilinen Elemente vom Hocker gepeitscht und nach und durch schnittiges minimalistisches Glasfaserwerk ersetzt. Höcker und Bugspoiler von Bimbo's sowie eine dem Zeitgeist entsprechende Maske hievten die Blade auf Ollis konkreten Vorstellungshorizont eines wohl erzogenen Fahrzeugs und erzeugten im Verlauf der baulichen Maßnahmen eine immer ausgeprägtere Verbundenheit zu dem Gefährt.

EAG

Das zarte Band wurde 2007 jäh durchschnitten, als die Honda heimlich eine nicht genehmigte Umschulung zum Spezialwerkzeug für das Ziehen von Bodenproben absolvierte und in Ausübung der Erdarbeiten kaltverformend in den Straßenbelag einschlug. Die Detonation des Kometen, der vor einigen Millionen Jahren zum Aussterben der Dinosaurier geführt hat, kann nicht viel heftiger gewesen sein. Denn auch in Ollis Biotop war nichts mehr so wie vorher – und vom bisher dort beheimateten Leben gab es nach dem Impact keine Spur mehr. Die Blade war einfach mal komplett klump, ein toter Planet. Von einem ausgeklügelten, technisch imposanten Gefährt zu vier Zentnern unsortierten Altmetalls in unter fünf Sekunden. Wenn das mal jemand andersrum hinbekommt, wäre ich schwer beeindruckt! Ich wittere eine Marktlücke.

Zum Teufel mit den Kohlen

Nicht nur, dass die gesamte Peripherie nun bei Belzebub gastierte, auch Motor und Rahmen zeigten sich im wahrsten Sinne tief be- und getroffen. Der Lenkkopf war um 0,5 Grad aus der Reckung, kurioserweise aber präzise in Längsrichtung des Fahrgestells und ohne negative Auswirkungen auf das Material-Gefüge, wie die amtliche Vermessung ergab. Ein zu dem Zeitpunkt trotzdem eher schwacher Trost. "Wir können den Arm ihrer Frau retten – wo sollen wir ihn hinschicken?"

Kommt Zeit, geht Rad

Da Olli nicht nur die Schnauze, sondern auch die beruflichen Auftragsbücher voll hatte, lagerten die zusammengefegten Reststücke des Unfalls die nächsten fünf Jahre unangetastet in kargen Kartons in einer finsteren und staubigen Ecke seiner Garage und wären über kurz oder lang wohl Bestandteile einer Abfuhraktion geworden, hätte nicht Harry, seines Zeichens Kumpel und Muse von Olli, diesen immer wieder dazu gedrängt, den Kernschrott doch mal zu sichten und zu reanimieren. In Folge wurde 2012 endlich die Pferdedecke von den Chiquita-Kisten gezogen und der zu beschreitende Werdegang ausgeleuchtet. Dabei standen zwei Sachen fest wie ein enttarnter Mafia-Spitzel in ausgehärtetem Stahlbeton: Der einstige Look sollte restauriert und so viel wie möglich von dem Kadaver des Tierchens erhalten bleiben. Olli hing halt an der Maschine – vielleicht sogar deutlich mehr als ihm selber klar war.

Keine Tauschgeschäfte

Damit schied auch der simple Weg über den Erwerb eines Tauschrahmens aus, was sich trotz der unfreiwillig modifizierten Geometrie des Unfallopfers als machbar erwies. Da sowieso neue Brücken aus dem vollen Alu gehauen werden sollten, wurde bei deren Planung einfach das fehlende halbe Grad Neigung berücksichtigt, so dass der Vorderbau nun wieder genauso angewinkelt dasteht wie vor dem Crash. Natürlich ist die Nummer ingenieurstechnisch durchgewunken, eh klar.

Mett-Recycling

Maske, Höcker und Spoiler waren faktisch nicht mehr vorhanden. Sie wieder herzurichten, wäre mit dem Versuch vergleichbar gewesen, aus einer gebratenen Frikadelle ein lebendes Schwein zu restaurieren. Olli hat's trotzdem versucht und in einer endlosen Klebe-Orgie, die fast in Schnüffelsucht und Abhängigkeit von den Ausgasungen flüssiger Lösungsmittel geendet hätte, das eigentlich Unmögliche möglich gemacht. Schwinge und Gabelrohre hatte es ebenfalls ganz fies erwischt. Dichter an moderner Kunst, denn an funktionierenden Fahrwerkskomponenten, tatsächlich ein klarer Fall für den Sekundär-Rohstoffverwerter. Von den Klumpen konnte selbst Olli nichts mehr retten.

Eiserne Lunge

Wenn man die Organe schon sezieren muss, kann man auch gleich verbesserte Versionen zurück in den Patienten drücken. Das führte zur Montage einer unausweichlichen VFR-Schwinge, die aber zum einen per Oberzug optisch der Massenware entrissen und zum anderen mit einem Antrieb für die auserwählte Ducati-Felge bestückt wurde. Und da Olli sich weder zwei verschiedenen Schuhe über die Füße stülpt noch der Honda ähnliches Ungemach in Sachen Raddesign zumuten wollte, klärte sich die Frage nach der zu verwendeten Gabel quasi von alleine und führte zu einem weiteren Griff ins italienische Ersatzteile-Lager.

Home, sweet home

Die massiven multigeklemmten Brücken halten nicht nur die hydraulischen Italo-Stempel an Ort und Stelle, sondern bieten auch einem Motogadget Zwergentacho ein wohliges Zuhause sowie einer Segelstange festen Halt und Wirkungsrefugium in Sachen Fahrtrichtungswahl. An den Enden der Ruderpinne geht es opulent zur Sache. Pornöse Armaturen von Beringer lassen sich mit Freude befingern und lümmeln lasziv neben Microtastern und Blinkern von Motogadget in der Gegend herum.

Lackpuzzle

Für das Finale entschied sich Olli nach einigem Überlegen letztendlich dagegen, die zusammengefegten Farbsplitter und Partikelreste mit Sekundenkleber auf das frisch erbaute Werk zu kleben und übertrug statt dessen das aerosole Tönen der Teile jemanden, der sich mit so was auskennt.

Man muss nicht immer gleich alles wegschmeißen, nur weil es zwischenzeitlich etwas aus der Form geraten ist oder malträtiert wurde. Manchmal macht es einfach Sinn malträtiertes Kulturerbe zu reanimieren und Ruinen wieder erblühen zu lassen – man braucht nur ein passendes paar Hände. Und manchmal auch einfach ganz viel Zeit.


TECHNISCHE DATEN
Marke/Modell/Bj.: Honda CBR900RR SC33, Bj. 1996
Motor/Motortuning: Honda CBR900RR, SC33, mit Trockeneis gestrahlt und Schwarz glänzend lackiert
Wasserkühler: Entlackt und Schwarz Pulverbeschichtet
Kühlflüssigkeitsbehälter: SIGG Flasche modifiziert, SAMCO Kühlerschläuche
Vergaser: mit Dynojet Kit
Luftfilter: K&N
Krümmer/Auspuff: LeiRo, VA Krümer mit 4 in 1 Sammler
Endschaldämpfer Shark F1-21/A, modifiziert und gekürzt, Abgasanlage komplett Pulverbeschichtet
Heckrahmen: Eigenbau aus Aluminium
Schwinge: Honda VFR 750, RC36, Oberzug aufgeschweißt, Radnarbe auf Ducati Radaufnahme mit Zentralmutter
Federbein/Umlenkung: Federbein von Honda CBR1000RR, SC59
Umlenkung Honda CBR900RR, SC33 Schwarz Pulverbeschichtet
Gabel: Showa, USD aus Ducati 996, Schwarz lackiert
Lenker/Riser: Chubby, Sonderlenker 1 Zoll, Schwarz lackiert
Riser: Eigenbau aus Aluminium, Erhöhung 27 mm, Lenkerversatz nach hinten 20 mm, Poliert und anschließend Schwarz eloxiert
Hebel: Beringer
Griffe: Motogadget, m-grip
Räder: Ducati Monster 1200 S, 3,5 x 17“ vorn, 6 x 17“ hinten
Bereifung: Michelin Pilot Power, 120/70R17 vorn, 190/55R17 hinten
Bremsscheiben: Braking Wave
Bremszangen: Brembo, Vierkolben Festsattel vorn, Nissin, Doppelkolben Schwimmsattel hinten
Bremsleitungen: Micron, Fren Tubo, Kevlarummantelt
Fußrasten Anlage: Gilles, AS31, Schwarz Pulverbeschichtet
Tank: Honda CBR900RR, SC33, EVOTECH Schnellverschluss-Tankdeckel
Höcker/Sitzbank: Bimbo Copkiller modifiziert
Kotflügel: Ducatti 996, SSR Carbon Fender, modifiziert
Bugspoiler: Bimbo Copkiller modifiziert
Armaturen/Schalter: Motogadget, m-Switch mini Taster, RFID Zündschloss m-Lock
E-Box: m-Unit V.2
Instrumente/Anzeigen: Motogadget, motoscope mini Tacho, motosign mini in oberer Gabelbrücke eingelassen
Maske/Scheinwerfer: Megatec, Typ Agressor
Blinker: m-Blaze Disc vorn, m-Blaze Ice hinten
Rücklicht: LED Rücklicht, Oval, Schwarz, Kennzeichenbeleuchtung, Power LED
Lackierung: Airbrush „Bloodbath“ in Candy Red, Motorlackierung, Schwarz glänzend von
Sonstiges: Kabelbaum komplett neu im Eigenbau, LiFePo4 Batterie, BCB, Sitzpolster Leder Schwarz, Ladesteckdose mit USB Anschluss fuer Navi/Handy nicht sichtbar verbaut, Müller Motorcycle Gasdrehgriff mit innenliegendem Gaszug, MGM Ritzelabdeckung


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