Geschmackssache

Rückblickend gab es in den letzten 50 Jahren so einige Trends, die aus heutiger Sicht mindestens irritierend, eher verstörend und zuweilen grotesk abstoßend wirken. Schlaghosen aus braunem Cord, rosa Frottee-Schweißbänder oder BMW C1 Kabinenroller – manche Sachen sind so scheiße, dass sie selbst Mülltonnen wieder ausspucken. Über den meisten der brutalen Netzhautattacken liegt inzwischen das Tuch der Vergessenheit. Ein Segen!

Man muss schon ziemlich einen an der Waffel haben und mit überdurchschnittlicher Weitsicht und Leidensfähigkeit ausgestattet sein, wenn man sich ausgerecht solche Geschmacksverirrungen aussucht, um aus ihnen etwas Ansehnliches zu machen. Die Modells für Victorias-Secrets Unterwäsche-Katalog werden ja auch nicht im Heim für adipöse und verhaltensauffällige Akne-Blagen rekrutiert.

Notdurft

Manchmal bleibt dir aber auch gar nichts anderes übrig. Vor allem, wenn die Stimmen in deinem Kopf zu einem ausgewachsenen Männerchor anwachsen und dir ständig ein und das selbe Lied ins ZNS brüllen. Dann wird aus Wunsch erst Verlangen, dann Obsession und am Ende elementarer Lebensbestandteil wie Nahrung, Schlaf oder vermehrungsfreier Geschlechtsverkehr. Wie wir aus Ausgabe 08 dieses Jahrgangs wissen, ist Heiko ein Besessener der ganz schlimmen Sorte. Er hat schon lange nicht mehr die Wahl. Seine DNS besteht aus Aluminiumrohren und seine Chromsomen sind weder X noch Y-förmig, sondern filigrane und kunstvoll verschweißte Gitterkonstruktionen.

Wiederholungstäter

Wie uns besagte Ausgabe verriet, befindet sich bereits ein entsprechendes Gefährt in seinem Besitz, welches Heiko alleine auf Dauer aber irgendwie nicht reichte. Und als er mal wieder in Sachen englischer Rahmenkunst in nördlichen Gefilden auf Fortbildungsreise unterwegs war, wurde er Zeuge des Aufbaus eines Tierchens mit Hayabusa-Herz. Also jenem Reaktor, der wohl am ehesten als direkter Erbe der legendären 1135er EF Motoren gelten darf und dessen Tugenden weiter führt, wie kein anderer Suzuki-Vierzylinder. Schussfest, hubraumstark und mit deftigem Punch ab Standgas, ein Bulle von einem Triebwerk mit dem man auch problemlos Kleinlaster zu sportwagen-ähnlichen Fahrleistungen verhelfen kann.

Mit Deckelprägung

Sind die 1300er im serienmäßigen Yoghurt-Becher Layout weit verbreitet, wie auch günstig zu schießen, verkehren sich diese Eigenschaften ins Gegenteil, wenn sie statt des T-Bone Rahmens feines Brit-Rohr umschließt. Das musste auch Heiko recht schnell erfahren und sein gerade erst aufgekeimten diesbezüglichen Wünsche relativ schnell wieder ad acta legen – denn nachproduziert wurden die Rahmen schon lange nicht mehr – und wer einen hatte würde ihn auch nach Waterboarding, Zahnwurzeln-Anbohren oder zehn Stunden alleine mit Furz Kay One in eine Telefonzelle eingesperrt nicht herausgeben.

Hirngesänge

Das interessierte blöderweise die Stimmen in Heikos Kopf recht wenig. Im Gegenteil. Sie wurden weiterhin immer lauter, bis er seine Umgebung kaum noch zwischen den zu Geschrei angeschwollenen "Du brauchst es, also hol es dir"-Gesängen wahrnehmen konnte. Entsprechend erfreut registrierte Heiko deshalb eines Tages die ihm zugetragen Kunde einer zum Verkauf stehenden Kiste genau des gesuchten Schnittmusters. Wie sich zeigte, handelte es sich exakt um das Exemplar, welches ein paar Jahre zuvor den infektiösen Virus in sein Hirn gepflanzt hatte. Inzwischen war aus der damaligen Baustelle ein kompletter Hocker geworden – leider mit optisch eher zweifelhaftem Erscheinungsbild. Das Ding sah aus, als wäre sein Design von der Chrystal-Meth-Gruppe des örtlichen Kindergartens ersonnen worden. Quietschbunt, der Motor gelb, die Lackteile in knalligem Rot, alles munter mit Asi-Stickern aus dem ATU-Regal für Golf-Prolos zugekleistert und gekrönt von einem Auspuff, der selbst die verbissensten "Das Heck-muss-höher"-Trolls schlagartig verstimmen ließ. Die Zwillingsflöten waren dermaßen hoch montiert und mit zusätzlichen Extensions versehen, dass selbst die Basketball-Mannschaft der Rennleitung zur Kontrolle der eingesetzten dB-Eater ohne Trittleiter nicht hinein sehen konnte. Fahrten in der Stadt waren lebensgefährlich, da man ständig riskierte mit dem Auspuff an die Oberleitung der Straßenbahn zu geraten und per Stromschlag getötet zu werden. Eigentlich hätten am Austritt Blinklichter montiert werden müssen, wie es bei Industrieschornsteinen vorgeschrieben ist, um tief fliegende Flugzeuge vor der Gefahrenstelle zu warnen. Die Dinger waren so unglaublich hoch, dass sich zuweilen selbst im Sommer Schnee auf ihren Gipfeln befand.

Innere Werte

Dafür war der Ofen in technischer Hinsicht jedoch vom Feinsten. Achtkolben-Bremszangen, eine doppelte Lachgasanlage sowie eine ganze Menge feinster Alu-Beschläge zierten Stuhl. Zudem hatte die Karre (wohl aus obigen Gründen) kaum das Einfahralter überschritten und nur ganz, ganz wenige Meilen auf dem Digital-Tacho. Heiko zögerte nicht lange, plünderte das Konto mit seinen Ersparnissen, packte diese in einen Umschlag und fuhr 600 Kilometer Richtung Norden um das Teil live zu besichtigen. Nach einigem Hin- und Her konnte er den Verkäufer tatsächlich davon überzeugen seine mitgeführten Habseligkeiten als Auslösesumme zu akzeptieren. Das wurde mit Sicherheit auch durch den Umstand begünstigt, dass trotz der Seltenheit des Modells es eine optisch sehr verstörende Wirkung entfaltete und abgesehen von den ein Paar Autoscooter-Betreibern keine weiteren Interessenten vorhanden waren. Wer haut schon für einen Hobel den Gegenwert eines neuen Kompaktwagens auf den Tresen, wenn er, bevor an einen Auftritt in der Öffentlichkeit auch nur zu denken ist, das Gerät erst einmal komplett neu aufbauen muss? Die Antwort ist ziemlich einfach: Heiko! Niemand sonst.

Jack the Ripper

Der Hallodri riss den Stuhl auch sofort auseinander, bis nur noch der blanke Rahmen in der Laube baumelte, entsorgte alles Prunkwerk und Lametta, das er nicht behalten wollte (was aus dem Auspuff wurde, ist nicht überliefert) und begann nach eigenem Gutdünken mit der Rekonfiguration. Als erstes wurde der Motor von seiner gelben Oberfläche befreit und in eine beruhigendes Schwarz getaucht, so dass die folgenden Arbeiten ohne Sonnebrille und im Hellen angegangen werden konnten.

Breitensport

In Sachen Fahrwerk bestand eigentlich nicht viel Handlungsbedarf. Was sollte schon an Stelle der insulanischen Einarmschwinge die hintere Radführung übernehmen können ohne einen gewaltigen Rückschritt zu verursachen?! Für vorne fand Heiko hingegen eine Antwort auf die Frage und steckte statt der Busa-Forke die einer K6 Kilogixxer hinein und bestückte sie mit radialen Sätteln aus dem Custom-Bereich sowie einem Schmiedrad der besonders filigranen Sorte. Für hinten gab's einen fetten Kollegen aus dem gleichen Haus dazu, der wahlweise gegen ein ebenfalls parat liegendes und noch breiteres Exemplar für 240er Pellen betrieben werden kann.

Börsencrash

Der Verkauf des ursprünglichen Heckrahmens mit seinen massiven Schalldämpfer-Klemmen brachte auf Grund seiner schieren Masse fast den dotierten Preis für Roh-Alu ins schwanken. Der Neuaufbau des Sektors könnte nicht gegensätzlicher zu seinem Vorgänger sein: nur noch ein einzelner Pott, kräftig gekürzt und in den Tiefen des Höckers verborgen. Fast unsichtbar, nur durch seinen seitlichen Austritt überhaupt in Erscheinung tretend. Und auch das neu angefertigte zuführende Rohr bleibt trotz seiner Freiluft-Präsenz unplakativ. Dezenz statt Demenz.

Vergangenheitsbewältigung

Offensichtlich immer noch paralysiert vom ursprünglichen Kaufzustand, wagte sich Heiko anfangs nicht einmal an die Montage einer Maske heran und überlies den Job statt dessen einem Paar Mig-Scheinwerfern. Nachdem sich das erlittene Trauma langsam gelegt hatte, wurde final aber doch wieder auf GFK-Ware umgesattelt. Während der Schwerpunkt der Maßnahmen auf Abbauen und Weglassen beruhte, wurden die paar Brocken die unbedingt sein mussten handverlesen und penibelst selektiert. Seien es die CNC-Brücken, die Billet-Armaturen mitsamt solchen Leckereien wie dem rollengelagerten Grasgriff oder die umfassenden Stahlflex-Leitungen des Motors.

Von dem feuerroten Spielmobil ist nicht mehr viel geblieben – und selten konnte man derartig inbrünstig ausrufen: Gott sei Dank! Frottee-Schweißbänder kann man abstreifen, C1-Roller hinterm Haus verbrennen – aber aus dem Ursprungs-Verbrechen dieser Spondon einen amtlichen Stuhl zu zaubern, war alles andere als einfach.


TECHNISCHE DATEN
Marke/Modell/Bj.:Spondon Suzuki Hayabusa
Erbauer: Spondon-Heiko, Hackel
Motor:GSX-R 1300 Hayabusa (2000)
Wasserkühler: Hayabusa
Ölkühler: Hayabusa
Einspritzung: Hayabusa
Luftfilter: Hayabusa
Krümmer/Auspuff: Akrapovic mit Yoshimua Endtopf (gekürzt) aus Carbon
Rahmen:Spondon
Heckrahmen:Spondon/Eigenbau
Schwinge: Spondon
Federbein/Umlenkung: Öhlins
Gabel: GSX-R 1000 k6
Gabelbrücken: Bad Triple
Lenker/Riser: Renthal edelstahl
Hebel: Magura
Griffe: CNC, Gasgriff Yoshimura rollengelagert
Spiegel: Zubehör
Räder:PVM 6 Speichen, 3,5x17 vorn, 6,25x17 hinten (Zweitfelge PVM 3 Speichen geschraubt 8,25x18)
Bereifung: 120/70ZR17 vorn, 200/50ZR17 hinten (Zweitfelge 240/40/18)
Bremsscheiben: Braking Wave 310mm vorn, Spondon/Honda RC30 hinten
Bremszangen: Spiegler radial 4 Kolben (Hardcore Walz Design) vorn, 4 Kolben Nissin hinten
Bremsflüssigkeitsbehälter: Brembo
Bremsleitungen: Goodridge (geschraubte Anschlüsse, poliert)
Fußrastenanlage:Rairotec professional
Tank: Spondon
Höcker/Sitzbank: Bimbo modifiziert
Kotflügel: Megatec modifiziert
Armaturen/Schalter: Magura Brems- (20mm) und Kupplungspumpe (16mm), Taster
Maske/Scheinwerfer: Megatec modifiziert, umgebaut auf LED-Scheinwerfer
Blinker:Kellermann vorn, Motogadget hinten
Rücklicht: mono mit gedrehten Fassungen
Lackierung: freundliches schwarz
Danke an: Hackel, der mir mit Rat und tat zur Seite stand und Klaus, der die Elektrik minimiert hat


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