Anballermann


Während es in Sachen Motor-Output zu den meist beachten Werten überhaupt zählt, wird es auf heimischen Hebebühnen gerne wegignoriert: Das Drehmoment. Dabei ist das vorgabengetreue Festziehen von Verschraubungspunkten kein kleinkarierter Akt für übersensible Werkzeug-Nerds, die sich ihre Fleischwurst mit dem Laser-Skalpell schneiden und anschließend die Scheibendicke mit einer Mikrometerschraube kontrollieren, sondern ein lebenswichtiger, elementarer Akt. Häufigste Legitimation der Missachtung: "Ich mach's jetzt seit zwanzig Jahren ohne und es ist noch nie was passiert." Als wären die das schiere Ausbleiben einer Katastrophe und anhaltendes Ignorieren ausreichende Argumentationsgrundlagen für mechanischen Aberglauben. Tatsächlich ist es jedoch so, dass praktisch alle geschraubten Verbindungen am Moped ihre Verbindungskräfte über Flächenpressung erzeugen. Und deren Grad wird eben über das jeweils eingesteuerte Drehmoment festgelegt. Ist dieses zu gering, ist die Verbindung nicht fest genug. Zieht man den Vogel zu doll an, kann die Überbelastung die Schraube an den Rand ihrer Zugfestigkeit bringen, das Gewinde schrotten oder es zu Bauteilverformungen kommen. So mancher Drehmomentverweigerer würde sich wundern, wie fix man z.B. ein Gabelstandrohr ovalisiert. Ein mit Drehmomentschlüssel gehegter Bock steht deutlich solider da und seine Bauteile halten auch länger. Isso!

Was viele Gelegenheitswerker abschreckt (dabei sind es ausgerechnet diese, die den höchsten Bedarf haben), ist zuweilen die zu tätigende Investition in das notwendige Besteck. Wenn man jedoch durchdacht und gezielt einkauft, kommt man nicht nur mit einem einzigen Schlüssel sehr weit, sondern kann sich gleichzeitig sehr flexibel aufstellen. Deswegen wollen wir euch mal mit unserem ganz persönlichen Favoritensystem für artgerechte Kradarbeiten vertraut machen.

Dabei handelt es sich um so genannte Einschubwerkzeuge. Diese sind nicht fest mit einem Aufsatz bestückt, sondern besitzen einen Kopf mit Vierkantaufnahme. Diese gibt es in verschiedenen Größen, wir haben uns für 9x12mm entschieden, was im gefühlten Umgang etwa einem 3/8" Knarrensystem entspricht. Es ist jedoch wesentlich flexibler. So gibt es beispielsweise passende Knarreneinschübe für alle gängigen Vierkante, so dass sich das Werkzeug wie eine normale Ratsche verwalten lässt. Man kann aber auch feste Werkzeuge einstecken, z.B. Ringeinsätze oder offene Systeme wie Maulschlüssel.

Und das macht die Nummer extrem interessant. Denn mit so einem Einsatz kann man auch Schrauben anziehen, die man mit Nüssen und "normalen" Drehmomentschlüsseln nicht erreicht, wie z.B. hydraulische Bremslichtschalter oder Lambda-Sonden. Und genau solche Filigran-Dödel stehen total auf exaktes Drehmoment, werkeln sie doch dank Feingewindes und hohlem Kern in einem noch schmaleren sicheren Drehmomentkorridor als massive Kollegen.

Da die Einsätze nicht nur für Drehmomentschlüssel tauglich sind, sondern es auch passende Knebel gibt, mit denen sie zu ganz normalen Ratschen oder Schlüsseln umfunktioniert werden können, bekommt die Sache gleich doppelten Nährwert. Weil besagte Einschubformate genormt sind, ist man auch nicht an einen einzelnen Hersteller gebunden, sondern kann wild kombinieren. Entsprechende Linien gibt es von praktisch allen Werkzeug-Bäckereien.

Wir haben uns als Basis für einen Drehmomentschlüssel von Gedore entschieden, der mit seinem 5-50 Nm Spektrum für den Mopedbereich sehr gut geeignet ist. Für ein unbenutztes Ausstellungsstück haben wir 60 Kracher abgedrückt – eingeschweißte Neuware kostet das doppelte. Mit der Zeit sind verschiedene Ratschenköpfe und Schlüsselformen sowie ein Knebel dazu gekommen. Man kann die Population nach und nach erweitern und sich somit langsam und gezielt einen Satz für seinen ganz persönlichen Bedarf zusammenfischen. Und wenn man Oma einen Tipp gibt, liegt Weihnachten im Idealfall statt eines gestrickten Schlübbers ein weiterer Einsatz unter Baum.

Für Ratschenköpfe muss man etwa 50 Euro aufwärts einkalkulieren, Gabel- oder Ringeinsätze fangen grob bei einem Zehner an. Der sehr empfehlenswerte Knebel wandert ab ca. 30 Tacken über den Tresen. Durch die Crossover-Verwendbarkeit gedeiht so neben einem sehr guten Drehmomentschlüsselsatz auch ein erbaulicher Knarrenkasten nebst Spezialwerkzeugfunktion. Euer Hobel wird's euch danken. Einmalige Anschaffung, lebenslange Freude. Schrauben zieht man mit Drehmoment an, alles andere ist halbgares Gefriemel. Und das überlassen wir mal schön den Bartöl-gurgelnden Hipster-Heinis.


  • IMG 5876 IMG 5876
  • IMG 6058 IMG 6058
  • lhj1564 lhj1564